„Weißt du, was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“, nahm sie ihren Restmut zusammen und stellte ihrer Freundin endlich die einleitende Frage, die sie in ihren Gedanken schon so oft gestellt hatte. „Nein, sag’ es mir, bitte.“ Sie atmete auf und begann, zu sprechen: „Jeder Mensch“, holperte sie den Satzanfang heraus, ohne zu wissen, worin er münden wird. „Jeder Mensch hat eine bestimmte Art, einen Menschen, eine Situation oder das Leben zu betrachten. Aus der Art, wie ein Mensch das Leben betrachtet, erfolgt seine Berufung. Warte, sag’ nichts, ich versuche es zu erklären. Wenn ich mit dir einen Ort erreichen möchte, schaust du nach dem Weg, der am schnellsten ist. Und ich schaue nach dem Weg, der vor allem für dich am Sichersten ist. Und wenn wir uns doch nach deinem Weg richten, sind meine Augen und Hände um dich herum wie unsichtbare Flügel. Sie zerren dich zurück, halten dich fest oder geben dir einen Klaps auf den Oberarm, wenn ich – viel zu früh, viel zu oft, viel zu überstürzt – eine Gefahr für dich sehe. Das ist keine Leistung, musst du wissen. Es ist in mir drin, ich kann nichts dagegen tun. Meine Aufmerksamkeit fokussierte sich schon immer – auch als Kind – darauf, andere zu beschützen. Alles, was um mich herum war, ob Tier, Mensch oder Gegenstände – selbst wenn es Fremde waren – sollte sicher sein. Der kleine Kreis um mich sollte in Frieden gelassen werden. Das ist der Unterschied zwischen uns. Bei mir kommt das an erster Stelle, was bei dir an Zweiter kommt. Es ist der, der mich anhänglich, aber auch grausamer macht. Ich kann andere mit den Zähnen einer wild gewordenen Raubkatze zerfleischen, die die Menschen in meinem Kreis verletzen wollen, während du in irgendeiner Weise Verständnis für sie aufbringen kannst.
Wir unterscheiden uns also, ja. Du schaust nach dem schnellsten Weg, der, der dich am Besten zum Ziel bringt. Gerne nimmst du mich mit, weil ich angenehm, treu, liebenswert oder auch ein guter Schutz bin, aber meine Sicherheit ist nicht dein erster Gedanke. Und das ist der Grund, warum ich mich immer wieder zurück ziehen muss in unserer Verbindung. Auch, wenn wir beide nichts für die Art, wie wir sind, können – so erwarte ich in meinen falschen Menschenbildern jenen gegenüber, die sich Freunde nennen, noch immer, dass sie mich auf die Art lieben und für mich kämpfen, wie ich es immer für sie getan habe. Du brauchst nichts zu sagen. Ich werde gehen, und ich werde zurück kommen, wie immer. Vielleicht früher, als du mich wieder zurück holen wirst, vielleicht wirst aber du aber schneller sein.“ Sie drehte sich um und ließ ihre Freundin mit lähmenden Schritten allein. Ihr Herz pochte aus Angst, sie würde fallen und sterben, wenn sie die paar Tage ohne ihren Schutz in ihrem Zimmer im Kreis drehte. Doch nichts dergleichen geschah. Und keine der beiden kehrte je zur anderen zurück. Weiterlesen… »
Heute waren wir im Tiergarten. Ich bin das letzte Mal vor ein paar Jahren dort gewesen, obwohl ich Tiere wirklich sehr liebe. Sie geben mir viel Ruhe, und ihre Authentizität erfüllt mich mit Zufriedenheit. Eigentlich war ich dort, um viele, bunte, schöne Bilder von ihnen zu machen und bemerkte etwas, das mir damals nicht wirklich auffiel, als ich noch nicht fotografierte. Die Tiere wirkten müde, sie waren weniger aktiv, als man sie in ihrer natürlichen Umgebung erlebte (in Dokumentationen natürlich). Ihre Lebensräume kamen mir plötzlich so eng vor. Und immer, wenn ich sie fotografieren wollte, störten mich auf den Bildern die Gitter und Seile, die Glaswände und Mauern. Als ich die Bilder hochlud, machten sie mich etwas traurig, obwohl ich mich sehr gerne an ein paar schöne Situationen mit ihnen erinnerte. Ich fragte mich wie so oft, warum wir Menschen uns so viele Rechte über andere Wesen heraus nehmen. Wieso verfrachten wir Tiere aus anderen Ländern in Kisten und Schiffen nach Deutschland und sperren sie ein? Warum gehen wir in einen Tierpark, um überhaupt noch eine Beziehung zur Natur zu finden? Warum verändern wir das natürliche Verhalten dieser Wesen, nur um sie begaffen zu können? Ich entschied, die Bilder in Schwarz-Weiß zu bearbeiten, anstatt die Farben zu intensivieren, damit ihre Seelenfarben nicht vom schönen Bunt und Grün der Umgebung verdeckt werden. Denn sie haben eine Seele.













In den letzten Tagen hat sich etwas sehr Unbefriedigendes bei mir eingestellt. Ich lerne für eine wirklich wichtige Prüfung – und ich merke, dass die Informationen nicht zu mir durchdringen. Alles wird oberflächlich bearbeitet, wenn überhaupt. Damals, wenn ich gelernt habe, habe ich vom Lernstoff geträumt, am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und das Wissen war wunderbar geordnet und abrufbereit. Im Moment scheint alles hinter einem nebeligen Schleier unterzugehen. Ich habe keine wirklichen Zugriffsrechte, jemand oder etwas verwehrt sie mir. Diese Dinge heißen: Innere Unruhe, Scannen nach Gefahren, Schlafmangel und Zukunftsträume und -ängste. Und immer, wenn ich versuche, mir etwas gut einzuprägen oder es testhalber abzurufen, entstehen seltsame Impulse von seltsamen Bildern, die ich irgendwie in Worte umkodiere. Diesmal musste ich nichts umkodieren. Der erste Satz drängte sich mir auf, ich schrieb ihn nieder, obwohl er völlig sinnfrei war – und der skurrile Rest entstand von selbst. Lest selbst. Und wenn ihr einen inhaltlichen Sinn darin erkennt, offenbart ihn mir bitte. Mich interessiert, was ihr darin projizieren könnt.
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Wie ein flacher, zweidimensionaler Kreis legte er sich auf sie und bagatellisierte ihre Hügel und Täler. “Wer oder was bist du denn nun noch?”, fragte er sie erobernd. “Na, jetzt nichts mehr. Platt wie eine Flunder werde ich sein, wenn du mit mir fertig bist!”, stellte sie das mit unterdrückter Angst fest. “Richtig, ich habe dich entformt, entmanifestiert, dich unvollkommen gemacht”, stampfte er sie kreisend mit seiner platt runden Gestalt weiter in die Formlosigkeit rein und schaute ihr dabei in die verschwindenden Augen. “Formlos? So wie du? Werd’ ich wie du gemacht? Wie meinst du das?” Ihre Panik hätte vorhin, als sie noch ein paar Formen hatte, ausbrechen sollen. Jetzt war sie so entindividualisiert und entmachtet, dass sie nicht mehr wusste, wo ihre Emotionen und Gedanken saßen, um sie krallen und wie präzise Pfeile abschießen zu können. “Selbst, wenn ich formlos und platt wäre, wie du behauptest, so wäre die Formlosigkeit bei mir aus einer Vollendung heraus entstanden, eine, die sich aus dir und anderen nährt. Du hingegen hast verloren, obwohl du als formhaftes, hügeliges Wesen schon unvollendet warst”, antwortete er selbstzufrieden. “Du”, wiederholte sie “bist vollendet in deiner zweidimensionalen Formlosigkeit und ich entmanifestiert?” Er nickte. Sie nickte ihm nach, obwohl sie keinen Hals mehr hatte, und sprach aus ihrem verschwindenden Mund ihren letzten machbaren Einwurf, der wohl überlegt war, zehrend aus den ihr noch vorhandenen Ressourcen, die gleich mit in diese Plattheit übergehen würden. “Und wer hat dich vollendet? Es waren die anderen. Vergiss das nicht. Du bist genauso machtlos wie alle, die du okkupiert hast, denn du hast sie gebraucht, um etwas zu werden. Nicht einmal, um jemand zu werden, sondern nur um etwas zu werden …” Ihr Mund verschwand nach diesem einzigen abgeschossenen Pfeil, doch verschwand er ihm nicht schnell genug. Er hätte weghören sollen und nicht getroffen werden. Doch nun war es zu spät. Er hatte Zweifel an seiner Grandiosität entwickelt, die sich wie grünes Gift in seinem vollendeten Dasein verbreiteten. Seine so vollkommen kreisrunde Gestalt begann, sich zu zersetzen. Sie hatte ihm, bevor sie in ihm verging, einen Spiegel vorgehalten, ihm einer Lächerlichkeit und Abhängigkeit preis gegeben, die er durch Macht und Okkupation nie wieder kompensieren können wird. Sie hatte seinen Geist vor ihrem Aufgang in die Formlosigkeit vergiftet – und letztendlich über ihn gesiegt.
Er platzte ihr ungeduldig ins Wort. “Ich dachte, du wolltest die Finger von ihm lassen. Hattest du mir letztens noch nicht noch eine große Rede über dein Selbstwertgefühl und deine Würde gehalten? Dass die Zeiten sich geändert hätten und du erwachsen bist aus all dem Scheiß?” Kurze Stille vor dem leisen Einwurf. “Und wie soll ich mein Geld verdienen? Ich schreibe. Irgendwie müssen meine Geschichten doch entstehen, oder?”, lächelte sie gequält.
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Das Mädchen hüpfte in die kreidegemalten Kästchen hin- und her. Es war vielleicht sieben Jahre alt, kleingewachsene sieben. Die Frau beochtete es lange, aber dennoch unaufdringlich und vorsichtig. Vorsichtig wie jemand, der einst vertrieben worden ist. Ihr Atem stockte, fast ging sie ihrem Impuls nach und legte sich bauchlings auf den Boden, um die Stellen, an denen seine kleinen Füße vorhin noch den Boden berührt hatten, zu küssen. “Hallo”, sagte sie stattdessen mit schwacher Stimme. Das Mädchen vernahm sie, blickte zurück – direkt in ihr Gesicht. “Hallo…” wiederholte die Frau kaum noch hörbar. “Ich darf nicht mit Fremden reden…”, antwortete die Kleine zögernd, konnte sich jedoch nicht vom Gesicht der Fremden abwenden. “Ich bin keine Fremde. Ich bin deine Mutter.” Das kleine Mädchen legte seinen Kopf schief und musterte sie noch eindringlicher. “Beweise es”, forderte es nun sicherer. Die Frau kam vorsichtig auf sie zu, zog ihr Hemd leicht hoch und zeigte ihr ihre noch sichtbaren Schwangerschaftsnarben. “Siehst du? Hier warst du drin, dein Köpfchen, deine Beine, deine Arme haben hier Spuren hinterlassen, als du auf deine Art mit mir reden wolltest.” Das kleine Mädchen legte sein Gesicht auf ihren Bauch und wusste, sie hatte die Wahrheit gesprochen.
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“Hör zu, mir ist egal, was du dir dabei gedacht hast. Du bringst diesen Schaden hier wieder in Ordnung. Lass dir etwas Gutes einfallen, sonst bist du gefeuert.” Sie blickte ihm ratlos ins Gesicht auf der Suche nach einer einzigen Regung, die ihm etwas Menschliches hätte verleihen können. “Was soll ich denn machen? Der Kunde hat doch… Ich hab’ doch…!” “Bring es einfach in Ordnung”, zischte er. Sie rieb die roten Flecken auf ihren Oberarmen und nickte widerstandslos und ging zurück zum verärgerten Kunden. “Ich… bin hier, um mich für mein Verhalten zu entschuldigen. Ich habe übertrieben.” Der Kunde musterte sie ganzkörper. “Und jetzt, Puppe?”, fragte er mit einem hämisch angewinkelten Halblächeln. “Und jetzt würde ich ihnen gerne einen Drink spendieren oder auch zwei. Geht natürlich auf’s Haus”, lächelte sie in einer schier idiotischen Hoffnung. “Mir fällt da etwas anderes ein. Ich bin Stammgast”, sagte er fordernd. Der Ausdruck ihrer Augen tränkte sich mit Niederlage. Sie ging wortlos mit ihm und ließ das letzte Stückchen Würde zurück, das sie sich hier in diesem Landen noch aufbewahrt hatte. Weiterlesen… »
Ich hatte Träume von dir. Träume von dir, wie du im Weltall neben all den Sternen und Planeten tanzen würdest, wie du sie an Schönheit überbieten und doch neckend lieben würdest. Wärst du, ja wärst du heil, unangetastet und gepflegt worden in deiner Wildheit und Ursprünglichkeit, dann wäre mein Traum wahr geworden. Was wäre aus dir geworden? Was wäre mit dir in dieser Glückseligkeit auch aus uns geworden? Wie würdest du heute in Grün, Blau, Weiß und Unendlich-Farben strahlen, ganz ohne Amputationen deiner Lebenswelten, hättest du uns nur zu der Spezies erziehen können, die wir sein sollten, um dich lieben und schätzen zu können, um dich pflegen und ehren zu können – oder hättest du uns einfach nur ausgelöscht und diese nutzlose, destruktive Spezies in seine Schranken gewiesen und Neue erschaffen? Neue, die sich von dir ernähren, wie das Säugling an der Brust seiner Mutter, ohne diese Brust zu zerbeißen und zu zerstören, so wie wir es tun, seit wir existieren.
Damals, als ich ein sehr junges Mädchen war, war ich vollkommen davon überzeugt, Musik sei die Lösung all unserer Probleme. Keine Religion, keine Strafen, keine Drohungen, keine Kriege, keine Gefängnisse – sondern eine einzige universelle Melodie, die wir alle im selben Augenblick hören und erkennen würden. Im selben Augenblick der Empfänglichkeit, die der einer Frau gleicht, die Leben in ihr Schoß lassen will, die Musik in uns einverleiben und dann aus-leben würden. Was die Nachricht wäre? So genau kann ich dir das nicht sagen. Aber wenn es etwas gibt, das sie ausdrücken könnte, wäre es das abstrahierende Wort Liebe. Was hieße diese Liebe? Romeo und Julia, Leyli und Majnoon, Regina und ihr erster Freund? Nein, das nicht. Es gehörte dazu, aber es wäre nicht nur diese Art von Liebe, die ich meine, die ausreichen würde, um dir und uns all das zu ersparen, was wir dir und uns antun.
Die Nachricht hätte uns beigebracht, uns erkennen lassen, dass – egal, wem wir weh tun, wen wir ausrauben, wen wir schädigen, wen wir töten, wen wir ignorieren, wen wir krankmachen, wen wir bekämpfen – es immer, immer, ausnahmslos zu uns zurückkommen wird. Dass die Natur, die Mutter Erde, Lebewesen und menschliche Gemüter immer nach Ausgleich, nach einer Gegenregulation suchen werden, um sich zu holen, was man ihnen genommen hat. Nur so, nur so entstehen Kriege, nur so entstehen Naturkatastrophen, nur so. Nur so entstehen neue Krankheiten. Und nur so wird vielleicht nicht der Täter direkt selbst zum Opfer, aber vielleicht seine Kinder und seine Kindeskinder. Nur so ist der Täter nicht immer nur Täter gewesen, sondern war einst selbst ein Opfer. Was auch immer wir in diese Welt entsenden, es kommt früher oder später zu uns zurück. Wenn nicht auf dem Niveau elitärer, hochgestochener (juristischer) Moraltheorien, wie sie in unseren Philosophien und Rechtssystemen besteht, so dann nach den Gesetzen der Selbstregulation von Mutter Natur und dem menschlichen Geist und Körper: der Homöostase. Das ist ein Naturgesetz, keine Illusion und Konzeption von menschlichen Projektionen von Gut und Böse. Es ist eine natürliche Konsequenz, gut mit einer Gleichung zu formalisieren, davon bin ich überzeugt. Davon bin ich überzeugt. Weiterlesen… »
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