15.07.2011, 13:46
ArtPics
Dieses Bild aus der ArtPics Seite von Facebook, die von einem Iraner errichtet worden ist, hat mir letzte Nacht einfach das Herz und den Atem geraubt. Ich weiß nicht, ob Ihr darin seht, was ich sehe. Aber ich sehe darin fast alles, was mit Innigkeit zu tun hat. Seht, wie er ihren Kopf auf seiner Brust behütet. Wie sie ihre Ruhe auf seiner Brust sucht. Ihr Mund berührt sie. Ihre geschlossenen Augen beschwören den Moment, niemals zu vergehen.

13.07.2011, 01:58
So war das eben!
Ich bin vierzehn Jahre alt, sehr impulsiv und ungeduldig. Eigentlich hat sich seitdem nicht viel geändert, außer dass ich heute vernünftiger bin. Ich warte, bis der Pausengong ertönt, damit ich endlich ins PZ kann, um Fußball zu spielen. Wir hatten die Runde noch nicht zu Ende gespielt und wollten die gegnerische Mannschaft zerstören. Meine Füße wippen nervös. Ich mache mir Gedanken über die enge Jeans, die ich anhabe. Was für eine scheiß Angelegenheit das doch ist, gut aussehen zu wollen ohne dabei seine Hobbies aufzugeben. Hobbies wie Fußball, Kicker, Badminton, Spaßkämpfe – Dinge, bei denen man eben potenziell einen Jean-Claude-van-Damme-Karate-Kick-nahe-einem-Spagat leisten musste. Sorry für die vielen Bindestriche, ich bin mir einfach nicht mehr sicher, wo genau die in seinem Namen hingehören, also einfach überall hin, gut so. Jedenfalls waren das alles Dinge, die inkompatibel mit der Mädchenmode waren, die zu der Zeit aus knallengen Levis fünfhundert-und-nochwas bestand und später Plateau-Schuhen, mit denen die Auf-die-Fresse-Fliegerei besonders niedlich aussah. Ich hatte also immer eine kleine Tüte in meinem coolen Rucksack, in der meine Sportschuhe drin waren.
Ich schiele genervt zu meiner besten Freundin Dini (Spitzname). Man hatte uns auseinander gesetzt, nicht weil wir soviel quatschen, nein das taten wir nicht, wir verstanden uns ja wortlos – und das sage ich jetzt nicht so klischeewürgend, das war wirklich so – sondern weil es eine Zeit lang üblich war, dass man Klassen in Gruppen zusammen setzte, damit schlechtere Schüler von den Guten profitieren konnten durch – ja – Gruppenarbeit eben. Dass Gruppenarbeit komplett ineffektiv war und selbst die guten Schüler dann entweder von der Lässigkeit der Schlechten angesteckt worden sind (was total cool war) oder bei Pflichtaufgaben dann doch lieber alles auf sich nahmen, damit da auch etwas Gutes bei rauskam, verstanden die Pädagogen mal wieder nicht. Mal wieder.
Ich schaue aus irgendeinem Grund auf Frau Spekki (Name minimal geändert), die meine Stirn am anvisieren war, um meine Aufmerksamkeit wieder auf Linie zu bringen. Ich rolle meine Augen und seufze, folge ihrem wortlosen Befehl und fixiere ihre Sauklaue da an. Wer soll das bitte lesen können? Immer, wenn sie sauer war, schrieb sie furchtbar. Und so laut. Das war das einzig Tolle daran, wenn sie mies drauf war. Diese Kakkalacklalacks an der Tafel. Die hörten sich lecker an. Und ja, Geräusche können sich lecker anhören. Neben diesem festen Tafelvergewaltigungsgeräusch gab es noch etwas, das sich lecker anhörte: Nämlich klackernde Pumps auf der Schildergasse, die kurz vor dem Nichtgehörtwerden sind, weil Kölner einfach die Lautesten sind. Und das aber auch nur, wenn das Tempo hoch genug war, um sich den wackelnden Hintern der Frau, die sie trug, vorstellen zu können, ohne hinzuschauen.
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In den letzten Tagen der niederprasselnden Ereignisse auf einen Schlag, hatte ich eine innige Sehnsucht. Eine, die ich sogar benennen konnte, greifen und aussprechen konnte: Ich wünschte mir eine große Schwester. Eine, die mindestens zehn Jahre älter ist als ich und mir zeigt, wie man die Wege, die vor mir liegen, zu gehen hat und welchen ich denn überhaupt gehen soll. Gewiss, ich schrieb letztens noch, wie froh ich sei, autark zu sein – doch müsste ich das doch gar nicht sein, wenn ich sie hätte. Die große Schwester, auf die ich mich verlassen kann. Ich beneide jeden, der einen beschützenden großen Bruder oder eine entschlossene große Schwester hat, die in den turbulentesten Zeiten, in der die Handtücher der Familie synchron zu Boden am fallen sind, diese in der Luft noch auffangen, sie allen zurückreichen und sagen: “Nicht aufgeben. Ich bin da, das schaffen wir!” – Ich habe gestern, anstatt zu schlafen, ein Wunschbild meiner großen Schwester komponiert, und ich glaube, ich möchte sie – meine Schwester – gerne mit Euch teilen.
Meine große Schwester soll körperlich größer sein als ich, am Liebsten fast zehn Zentimeter. Mir scheint es am Schönsten, wenn ihre geistige, emotionale, biografische Überlegenheit sich auch in ihrer Physiognomie manifestiert, weil mir das Sicherheit verleihen wird. Am Besten, sie sieht aus wie Lucy Lawless (Xena-Darstellerin). Sie ist anders genug als ich, um sie lieben zu können, ist mir aber durch ihre schwarzen Haare ähnlich genug, um als meine Schwester durchzugehen – wenn auch nur ansatzweise. Sie sollte auch den Willen und die Unbeirrbarkeit wie Xena haben. Einfache, praktische Prinzipien und Regeln über die Dinge, die gut für uns sind und die Dinge, die schlecht für uns sind. Dennoch sollte sie sich dessen bewusst sein, dass all unsere Ideale und Regeln eben nur aus uns selbst entspringen und sie keine universale Gültigkeit haben. Sie soll hart durchgreifen können, wenn es sein muss. Sie soll kämpfen können, wenn Resignation und Hinnahme falsch sind. Nicht nur physisch, sondern mental. Zermürbend soll sie gegen unsere Feinde sein, beschützend uns gegenüber.
Meine große Schwester soll trotz ihrer Stärke, moralische Überlegenheit zeigen, indem sie ihrer Wut und ihrem aufleuchtenden Hass nicht sofort nachgibt, indem sie rächt, was uns verletzt, sondern erst versucht, andere zu erreichen, um Versöhnung zu erlangen, ohne ihn mit Krieg durchzusetzen. Das heißt, hier soll sie anders als Xena sein. Hier soll sie wie Mama sein. Wie Mama, nur nicht in einem Maße sanftmütig, dass sie ihre Gutmütigkeit ausnutzen lässt und jederzeit Zähne fletscht, wenn man versucht, sie und uns zu übervorteilen. Weiterlesen… »
27.06.2011, 14:23
Leerliebe
Als ich jünger war, war ich die Verfechterin der unendlichen Liebe. Unendlich nicht in der Größe und Intensität, sondern in der Zeit. Ich war der festen Überzeugung, dass wenn man erst einmal einen Menschen in sein Herz gelassen hat, man nie wieder aufhören würde, ihn zu lieben. Komme was wolle. Bezaubert von der Idee der bedingungslosen nicht-enden wollenden Liebe, die so passend ist zu meinem persischen Namen “Mohnblume, die ewig Verliebte” war, behielt ich also jeden in mir und meine liebevolle Obhut, den ich Freund, Freundin und Seelenverwandter nannte.
Das Erwachsenwerden belehrte mich eines Besseren. Nun, vielleicht nicht eines Besseren, aber eines Realistischeren. Wenn Erwachsensein bedeutet, dass man sich seiner Illusionen entledingen muss, dann weiß ich: Erwachsenwerden tut weh. Und zum Anderen weiß ich: Erwachsen bin ich noch nicht ganz, denn einige Illusionen lasse ich nicht los. Meine Unschuld verlor ich also das erste Mal, als ich merkte, dass ich Menschen, die ich einst geliebt habe, auch durchaus nicht mehr lieben kann, wenn sie Grenzen überschritten haben. Dabei gab es immer den einen Aspekt, der genau diese langsam schwindende Liebe ins Nichts beförderte: Vertrauensbrüche. Immer wieder Vertrauensbrüche, die durch ihre Mehrmaligkeit unverdaubar wurden.
Und nun, da ich über Misstrauen nachdenke, frage ich mich, ob ich nicht eventuell vielleicht doch nicht mit dem Lieben aufgehört habe, sondern nur mit dem Vertrauen. Und ob diese Entfremdung beider Größen voneinander in mir lediglich eine Leere hinterlassen, die mich glauben lässt, dass es sich nicht mehr um Liebe handeln kann. Immerhin ist Liebe ja warm oder schmerzhaft heiß. Aber leer? Ich sollte meine Desillusionierung also noch einmal überdenken. Vielleicht kann Liebe auch leer sein. Leerliebe eben. Gewohnheitsbedingt gedacht, anstatt enthusiastisch gefühlt. Was denkt Ihr?


Meine Großstadt ist in den letzten Jahren geschrumpft. Egal, wohin ich gehe, ich kenne ein paar Gesichter – und die Gebäude kommen mir bekannt vor. Man müsste meinen, sie habe dadurch an Vertrautheit gewonnen, am positiven Gefühl, Zuhause zu sein. Aber das hat sie nicht – manchmal zumindest nicht. Vor allem gestern nicht.
“Ich weiß nicht, Sherry. Ich weiß nicht, was das ist. Aber es hört sich an wie die Konstruktion einer dramatischen Soap mit einer sterbenden Diva mittendrin. Deine Geduld ist wirklich nicht nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass Du schon bei einer Einkaufsschlange kurz vor’m Abdrehen bist und am Liebsten die ganze minderbemittelte Technologie beschimpfen will, die es irgendwie nicht schafft, eine menschliche Schlange zu verkürzen. Technologisch, versteht sich.” Sie lacht. Ihr lachen ist schön. Es ist ein leises lachen. Oder nein, es ist nicht leise, aber es hat die Luft definitiv um Erlaubnis gefragt, es für den sanften Schalldruck ihres Lachens benutzen zu dürfen. Sie fragt immer, egal, was sie tut, sie fragt erst einmal die Seele(n) neben sich, die physikalische Realität um sich herum, ob sie darf. Ob das in Ordnung ist, wenn sie sich ihres Daseins bedient. Selbst, wenn sie sich kratzt, fragt sie sich, ob sie irgendwelchen Keimen Leid angetan hat. Sie fragt sich das schon lange nicht mehr bewusst, aber sie handelt so, als würde sie genau das tun. Und doch ist sie zu wenig grausam, um sie Mutter Erde zu nennen. Mutter Erde muss lieben und hassen können. Ihre eigenen Kinder tadeln, wenn sie die anderen Kinder zerstören. Den Menschen schlagen. Ich schweife ab. Ich lächle müde und antworte: “Keine Ahnung, Chikita. So ist das eben. Hätte ich nicht außerordentliche Geduld mit Menschen, würde ich doch nicht Psychologie studieren. Was denkst Du?” Sie ahmt meine Müdigkeit nach – nein, sie ahmt sie nicht nach – sie fühlt sie mit und antwortet: “Hättest Du weniger Geduld, könntest Du sie besser zur Änderung zwingen, Sherry. Aber ich weiß, dass Du mit Patienten anders umgehst, als mit Deinen Lieben und Deinen Freunden. Du bist ein Punchingball. Das habe ich Dir damals schon gesagt, als ich mit ansehen musste, wie Du alles mitmachst, nur um gewissen Menschen die Erlaubnis zu geben, auf Deine Kosten ihr Selbstwertgefühl aufzubauen.” Ich schweige.
Der gestrige Tag war ein Hin- und Her von neuen Erkenntnissen und wichtigen Entscheidungen. Wirklich wichtigen Entscheidungen. “Sag’, Schatz, was machen wir heute? Was wünschst Du Dir? Du hattest soviele Ideen, dass ich Dich heute lieber spontan entscheiden lassen will”, sagt er. “Lass uns mal zu diesem Restaurant, das genau zwei Minuten Fußweg von uns entfernt ist. Wieso muss man immer weit weg? In-die-Stadt? Hier ist auch Stadt”, meckere ich, obwohl niemand Widerspruch leistet. “Wie schmeckt’s dort denn?” “Keine Ahnung, Schatz. Es steht hier schon seit 15 Jahren, aber ich war nie drin.” – Das zu meiner Kenntnis über meine Stadt. Mir ist aufgefallen, dass ich die meisten Locations nur von Außen betrachtet habe und nur die Besondersten von Innen. Besonders ist eine Location nicht, wenn sie besonders hoch angesehen oder bekannt ist, sondern wenn ich wichtige Erinnerungen mit ihr verknüpfe. Weiterlesen… »
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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