“Einwenig hast du ja schon die Welt aus den Augen verloren, nicht?”
“Wie meinst du das?”
“Naja, schau dich an. Damals warst du ein Meister der Illusionen und Träume, und heute bist du der Meister der Desillusionierung. Du lässt ja kaum noch etwas durchgehen, das leicht anromantisiert ist. Kann man so überhaupt glücklich werden?”
“Nun, ich bin sogar sehr glücklich. Illusionen lassen uns passiv und träge wie einen Opiumsüchtigen an irgendeinem Status Quo nippen. Und wir winden uns im Kreis, um diese Illusionen herum, erreichen aber nichts, weil wir nur noch nach Hologrammen greifen, ohne diesen Greifreflex stoppen zu können. Ich hingegen mache Platz für das, was wirklich möglich ist, dafür muss man Raum schaffen, indem man realistische Ziele von unrealistischen trennt. Nur so können wir endlich anpacken, endlich erreichen, was möglich ist und das Ziel ergreifen. Ist doch nicht schlecht, oder?”
Lass uns ehrlich sein. Öffne deine Augen ohne die schon vorgedachte Silhouette, die du zu sehen erwartest. Lass uns offen sein, lass mich sein. Vergiss, was du erwartest, ich will, dass du siehst, wer ich wirklich bin. Was auch immer ich bin. Denk’ nur kurz nicht an den, der du bist. Entdecke die Welt ohne Vorwissen, und du wirst dich auf die Wiese werfen und liegen und träumen wie ein berauschtes Kind. Zähl’ nicht die Zeit, sie hat keine abgetrennten, kleinen Minuten, Sekunden und Stunden. Siehe, wie sie wirklich ist. Ein Fluss ohne Anfang, ohne Ende, ohne Richtung und mit einem geheimen Wissen über das Nichts. Wir wollen mit der Sonne verstecken spielen, in der Hoffnung, unsere Nacktheit sei nur eine Illusion, die wir vergessen können. Vergiss stattdessen lieber all die Bekleidung, all die Vorhänge und all die Wände. Wir Menschen ähneln einander zu sehr, als dass wir uns verheimlichen könnten. Selbst, wenn wir verschwinden würden. Sei kein Gast mehr, sei der Bewohner meiner Seele. Mir ist egal, wenn ich das Ich vom Du nicht mehr unterscheiden kann. Warum auch, wenn unsere Essenz eh vom selben Nektar ist? Warum auch, wenn Fleisch und Blut überall gleich sind? Sei da, mit mir. Nicht für immer. Doch für jetzt, bleib’ hier.
Dreihundertundachtzig Tage sind wir hier. Du siehst die Veränderungen in und an uns. Und du denkst noch immer, wir seien gewappnet gegen die Spuren der Zeit? Vielleicht solltest du aufwachen, oder vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht. Dir scheint es in deiner Unbekümmertheit offensichtlich besser zu gehen, ewig besser zu gehen als mir. Wie ich das hasse. Dreihundertundachtzig Tage, und ich denke mir, wir sollten getrennte Wege gehen, weil wir sie schon immer gegangen sind, nur nicht offiziell, und ich will es endlich greifbar echt haben, damit ich raus kann, atmen und wieder auf eine Zukunft hoffen kann. Es langweilt mich, hier zu sitzen, deinen Geschichten zu lauschen, dabei interessiert zu tun und aufmerksam und eine Art sanftmütige Mütterlichkeit auszustrahlen. Was interessieren mich gezüchtete Kampfhähne? Das ist öde. Und hätte ich noch einen Funken Menschlichkeit in mir, würde ich sogar empört darüber sein. Dreihundertachtundachtzig Tage, und hundertneunzig davon habe ich alles versucht, um mich dir zu verwehren. Deine halbgare Lust widert mich an, deine programmatisch ablaufenden Handlungen, um mich rumzukriegen, lassen mich denken, ich habe es mit einem Einzeller zu tun, der in kleinschrittigen Instinkthandlungen agiert, alles tut, nur nicht denkt – geschweige denn es fantasievoll tut. Was bist du nur. Ein Parasit, der sich in ein menschliches Skelett eingenistet und die Steuerung des Großhirns übernommen hat, ja, so kommst du mir vor. Ich schlafe nicht mit Parasiten. Geh’ ins Rotlicht, lass mich das meinetwegen zahlen, ich würde es tun. Ich werde dich verlassen, die Anzahl der Tage nicht mehr überschreiten. Drehundertundachtzig. Unerträglich. Weiterlesen… »
Okay, ich trau’ mich jetzt zu veröffentlichen, was heute morgen um fünf Uhr entstanden ist. Ohne das Lied zu hören, kann man’s nicht lesen. Der Rhythmus muss davon vorgegeben werden, sonst wirkt es nicht.
Ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze. Ich wippe deinen Beat, ich wippe deinen Beat, ich tanze die Weisheit deiner Generation gegen alle Wände hinein. Bringe Sauerstoff zum explodieren, die Luft, sie atmet meine Energie in sich hinein und lässt Epilepsien sedierend sein, weil kein Mensch hier weiß, was echte Krämpfe sind, packe ich das Kind (in uns) und schüttel es zum Beat. Ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze. Lass uns wippen, lass uns hippen, lass uns zum Beat der Violine die Welt verlieren und all die versengten Tage auf einem Schlag von unser’n Sternen klauen, ihnen ihr Licht nehmen und unsere Seelen an diesem Verbrechen verlieren. Hörst du die Beats, hörst du sie schlagen, ich will dabei sein, wenn sie aus mir mein Ich zerreißen. Hörst du die Beats, wie sie mich jagen, damit ich frei sein kann, frei von all den Gedanken, all den Morgenfragen, all dem Nachtschweißbaden, all den Kriegsverbrechen, all den Lebenssäften und den Liebesklagen?
Ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze. Lass meinen Kopf seinen Schädel zerbersten, lass den Vogel seinen Käfig sprengen, lass mein Herz im gleichen Takt wie den Puls von Mutter Erde Blut und Sauerstoff pumpen. Lass mich frei, ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze, weil alles stirbt, außer die Bewegung, die’s mein. Hörst du den Beat, er frisst die Gitter unserer Gedanken, den schwarzen Dunst unserer vergrabenen Zukunft, er peitscht uns nach draußen, damit wir tun, wozu wir geboren sind: Nämlich Leben und Tanzen. Wippen und Tanzen. Fühlen und Tanzen. Ja, ja, ja, ja! Gib’, was du nicht hast und ich werd’ dich entführen, von dir selbst nur weg, nur weg, dich führen, von dir selbst nur weg. Zu mir, zu mir, einem mir, das nicht mehr sich selbst gehört. Und was bindet, wenn niemand mehr gebunden ist? Die reinste Form der Liebe, nur die reinste. Denn sie ist ungebunden und ungebunden ist unbegrenzt und unbegrenzt ist Alles und Alles, das sind wir. Die reinste, so edel wie der Stoff, den du dir durch die Adern jagst, wenn du mit Beats jonglierst und am Ende sie es sind, die dich jonglieren. So rein wie das Weiß, das deinem Leben bis zum Abgrund folgt, so wahr wie ein Kreis, der nach sich selbst sucht und die Unendlichkeit entdeckt, so verloren wie Hachiko, wenn es auf sein Herrchen am Bahnhof wartet bis zu seinem Tod. Ja, ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze. Vergiss dein Herz, lass es dort vor sich hin schlagen, sich selbst verjagen, nach Fragen fragen und die Antworten versagen. Was wir brauchen, hat nur der Beat, keine Herzen, keine Regeln, kein Gewissen und erst recht nicht irgendein göttliches Wesen.