10.05.2012, 21:41
Ich bin Akeem
Mein Name ist Akeem. Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, und es ist nicht leicht für mich hier. Ich bin fremd. Nach dem Israel-Libanon Krieg im Jahre 2006 bin ich auf das Flehen meiner Eltern hin nach Deutschland gekommen. Am Anfang war ich sehr dankbar, hier sein zu dürfen. Hier war die Sicherheit, von der meine Eltern träumten. Meine Cousins und Cousinen schreiben mir ein Mal im Monat Briefe und danken Gott dafür, dass wenigstens ich es gut habe, und ich kann nichts tun, außer mich in Demut zu üben und Dankbarkeit zu zeigen, denn sie haben alle einiges dafür geopfert, damit ich hier ein erfolgreicher Künstler werden kann. Bevor der Krieg begann, lief es sehr gut mit meinen Bildern, und ich war dabei, bekannt zu werden.
Manchmal fühle ich mich hier wie ein unerwünschter Fremdkörper, aber einer, der auch weiß, dass er ein Fremdkörper ist und keinerlei Antrieb hat, seine Existenz mit Gewalt im Wirtsorganismus durchzusetzen. So kam es, dass ich anfing, meine Bilder anders zu malen, als ich es in der Heimat tat. Wenn ich mich hier einem Gemälde widme, dann halte ich mich inzwischen zurück, sonst wird das Ergebnis als “kitschig” betitelt. Ein Wort für Kitsch mit einer negativen Konnotation gibt es in meiner Sprache nicht, und wenn, dann habe ich es vergessen. Es verletzt mich. Vor allem, weil niemand aus meiner Familie hier ist, um mich vor diesen kritischen Stimmen zu verteidigen. Niemand ist hier, um den anderen zu sagen, dass ich wirklich so fühle wie ich male. So, wie es in meinen Bildern zu sehen ist. Was sie eigentlich sagen, diese Fremden hier, bedeutet nämlich, dass das, was ich fühle, nicht echt sei, sondern eine Übermalung dessen, was “normale Menschen” sonst in sich erleben würden. Sie haben auch andere Wörter für das, was sie an mir ablehnen. Wörter wie “sentimental”. Eine genaue Grenze dessen, was sentimental ist und was nicht, können sie mir nicht nennen. Also muss ich den ganzen Tag in Unsicherheit die Angst brüten und raten, was zu sagen und zu malen richtig ist. Meine Intuition redet nicht mehr mit mir, seit ich Angst habe. Weiterlesen… »
{Chopin – Prelude In C Minor}
Mein Herz verschwindet
Mein Herz zerstreut
über alle Weltenwüsten
Weit weg
Weit fort
Wenn der eine Traum
zum einz’gen Verwandten wird
und Wir ihn schmecken
wie den heimlichen
Honig im Napf
unter unser’n
Kinderkissen
Weiterlesen… »
25.04.2012, 09:23
Einsamkeitsfänger
Er fängt Einsamkeiten ein wie der Fänger im Roggen die Kinder. Doch er weiß nicht, warum. Es fällt ihm schwer, nicht hinzusehen, wo die Leere ihre Krater schlägt und das Vermissen zur Endlosschleife wird. Es sind nicht nur die raren Einzelgänger, die diese kühle Bürde tragen. Jeder Mensch kennt sie, diese blitzenden Augenblicken der vernunftslosen Konturlosigkeit. In einem kurzen Abriss der Zeit passen die Menschen nicht mehr in einen Kontext hinein, obwohl sie sich in ihm befinden. Die anderen um sie herum – vorhin noch ihre Freunde – befremden sie mit Hüllenfülle und Kernarmut. Ihre Münder bewegen sich, doch ihre Augen gehören nicht mehr ihrer Seele, und das Vakuum dazwischen flüstert in kalt-pfeiffendem Wind fremde Sprachen. Dann zweifeln sie sogar ihre Körper an. “Ist er wirklich mein?”, fragen sie, tasten in sich hinein und entdecken diese unangenehme Taubheit in den Gliedern. Wie, als würde man mit den Füßen in den neuen Schuhen nach Grund und Boden treten, aber keinen finden. Plötzlich schrecken sie wie aus einem halbdurchlässigen Traum auf, sehen die geselligen Erdnüsse in ihrer Hand, werfen sie in unverwechselbarer Routine in ihren knuspernden Mund hinein, lachen ihre Freunde an und vergessen, dass sie vorhin noch Fremdkörper im Kontext, ihren Körpern und ihren Sinnen waren.





09.04.2012, 07:55
Wenn sie lächelt
Ich habe diese Frau schon als kleines Mädchen mit großen Augen verfolgt. Jeden Schritt von ihr in jedem Film. Ihre Mimik und Gestik habe ich aufgesaugt und in mein Gedächtnis eingerahmt, um mich jederzeit ihren widersprüchlichen Signalen widmen zu können. Vielleicht würde ich sie eines Tages verstehen. Sie war schillernd, doch ich war immer traurig, wenn ich ihr schönes Gesicht studierte. Irgendetwas in ihrer Art offenbarte mir ihre Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst. In meiner Vorstellung habe ich sie mit meiner kleinen Hand mit mir gezogen, um sie an einen Ort zu führen, an dem sie glücklich sein kann. Dieses Bild hier habe ich letzte Nacht entdeckt, und ich habe mich darin vernarrt, weil ich mir einbilde, sie zum ersten Mal zufrieden und gelöst zu sehen. Nachdem ich es mir aus jedem Winkel angesehen habe, möchte ich es mit euch teilen. Mir dessen bewusst, dass nicht jeder Marilyn Monroe so sieht, wie ich es tue.

01.04.2012, 08:19
Die Anderen
Manchmal sind sie ganz laut, die Gefühle der Anderen. Ich bilde mir dann ein, dass ich sie greifen kann wie eine gefüllte Glaskugel voller Gedanken, Wein und Selbstfragmente, die einander hinterherjagen, um sich endlich zu vereinen. Sie wollen eine überlebenswichtige Geschichte werden und einen Sinn ergeben. Denn ohne Sinn geht es nicht weiter, zumindest nicht für uns Menschen. Dann muss ich mich oft bewusst herauszoomen aus ihrem Erschaffungsakt, mich aus den Seelenfarben anderer mit aller Macht entfernen, gegen alle Widerstände der Anziehung kämpfen, um einen klaren Blick zu behalten. Manchmal ist es so schwierig, mit allen zusammen zu sein, ohne mich selbst zu verlassen. Ich muss diesen Drahtseilakt endlich bestehen lernen, sonst bleibt mein Befinden immer abhängig vom Befinden anderer. Das ist einerseits schön, andererseits auch bodenlos.
Gestern gab sie mir ihre kleine Hand, die vielleicht einviertel so groß war wie meine. Sie sagte mit ihrer kleinen Stimme, dass auch sie Nagellack auf ihren Fingern habe, so wie ich. Aber sie möge meine Farbe lieber. Dabei sahen mich große, liebe Noch-Baby-fast-Kind-Augen an, und ich wusste, sie fragte sich, ob man die Nagellackfarben einfach tauschen könne. In meiner Vorstellung tat ich es. Ich kippte meine Finger nach unten auf ihre kleine Hand – und die Farben flohen auf ihre Nägel, und sie lächelte. Als ich fast dachte, es würde klappen, legte sie ihr Gesicht auf meine Brust. Als wollte sie sagen, es sei schon okay, dass es nicht klappen wird. Ich solle nicht traurig sein. {Die Anderen. Sie sind oft so schön. Wer braucht da noch sich selbst?}
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
|
|
|