Also erstmal, wer auch immer das hier in die Hand bekommt, lies mal besser nicht, wenn du Angst vor Blut und Gewalt und so’n Gedöns hast. Das ist nicht für kleine Mädchen gedacht, okay? Bitte sag’ nicht, ich hab’ dich nicht gewarnt. So, ich erzähle jetzt mal. So fing das alles an. Ich weiß nicht, wie ich das alles aufschreiben soll. Ich bin kein guter Schreiber, aber ich versuch’ das mal hier wiederzugeben, weil ich das hier einfach nicht in meinen Kopf kriege und ich einfach nicht verlieren will, was ich jetzt weiß und was ich herausgefunden habe über alles. Oder was ich denke, herausgefunden zu haben.
Es war ein übler Tag. Wie gesagt, ich hatte einen scheiß Tag. Egal warum jetzt. Auf der Arbeit lief es nicht sehr gut, weil nur, weil ich nicht rede, mich die meisten für ‘nen Depp halten, was ich nicht bin, die kennen mich nicht, ich bin vielleicht ein bisschen auf den Mund gefallen, aber nicht, weil ich dumm bin, sondern weil ich früh gemerkt habe: Wenn man nicht redet, wollen die Leute auch sowenig wie möglich von einem. Ich habe gemerkt, Reden, das ist nur was für Heuchler, die sagen wollen “Ich bin wer”. Und sie reden und reden, über sich, eigentlich ist alles, was sie sagen, nur etwas über sich, selbst wenn sie etwas über andere sagen, sagen sie es, damit man sieht, wie gut und wie intelligent sie über andere reden. Ich gehörte nicht dazu, ich wollte meine Ruhe. Einfach nur Ruhe. Meine Arbeit tun, nach Hause gehen, mich von meiner Freundin nerven lassen, vielleicht, wenn ich Glück habe, eine Art Zuneigung bekommen, mittelmäßigen Sex und dann schlafen gehen. Das ist alles, mehr wollte ich nicht vom Leben. Aber kaum ist man zufrieden mit dem, was man hat, kommt irgendein Tag und irgendwas passiert und alles ändert sich. So sehr, dass du die Dinge plötzlich anders siehst, plötzlich über Dinge nachdenkst, die du vor Jahren schon abgeschlossen hast in ein dickes Fass, wo “unlösbar” steht. Und gut ist. Wer will sich schon den Kopf zerbrechen, sollen das doch diese Philosophier.
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Wie kann man seine Traurigkeit begründen, wenn die Herbstblätter nicht mehr fallen? Wie kann man seine Schwermut begründen, wenn man vorhin noch spaßend und ganze Horden ins Gelächter werfend beim scheinbaren Frohsinn gesehen wurde? Wie kann man erklären, man fühle sich lachend dem Elend unterworfen, ohne dabei als Lügner und Heuchler gesehen zu werden? Wie kann man vor sich selbst wegrennen und im Wettlauf gegen sich selbst noch verzweifelt versuchen, Andere von ihrem Schicksal zu befreien? Wie kann man die zig-fachen rohen und formlosen Parallelgefühle ordnen? Und wenn man es tut, warum entstehen daraus nur in sich widersprüchlichliche emotionale Zerreißproben und schizo-affektive Verhaltensweisen, die Deine ganze Welt in ein schwarzes Loch verschlucken und Dir die Ordnung, an der Du Dich solange festgehalten hast, mit einem hämischen Lachen ins Gesicht schmeißen?
Ich frage inzwischen nicht einmal mehr nach dem Sinn des Lebens, nach der Existenz einer Gottheit, nach dem “Warum” des ganzen sinnlosen Seins und dem “Wie” der universellen Funktionsweise sovieler, fragiler Regelsysteme in der Natur und all den Galaxien. Ich frage nur, wie ich funktioniere und warum ich mich nicht ändern kann. Warum ich mich selbst nicht loswerden kann, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche. Ich frage mich, warum ich dazu verdammt bin, als angebliches Mitglied des anpassungsfähigsten Spezies dieser Welt, mich selbst zu ertragen.
Dabei fallen nicht einmal die Blätter. Aber vielleicht gilt heute die Entschuldigung, dass es gar keine Blätter mehr gibt. Im Herbst darf ich trauern, weil alles stirbt – und im Winter, weil alles tot ist. Ja, das ist wohl der Grund meiner Traurigkeit. Im März muss ich mir aber eine andere Begründung suchen… Ich werde eine finden, da bin ich mir sicher. Ich werde immer eine finden, solange ich keinen Weg gefunden habe, mich meiner Selbst zu enteignen.
09.11.2007, 13:07
Wie sie fallen…
~ Esperanza Fernandez – Gelem Gelem ~
Draußen ist es so schrecklich traurig. Normalerweise genieße ich die herbstliche Melancholie, das fallende Rot und Gelb, das karge, aber strotzende Grün. Doch dieses Jahr ist es anders. Jeder Fall auf den rot-gelben Boden tut mir unendlich weh. Ich sehe die Blätter nicht nur mit einem milden Lächeln fallen und sie im kommenden Frühling wieder auferstehen, nein. Diesmal ist es anders. Ich sehe sie einzeln sterben. Jeden Einzelnen sterben. Sie sterben – und die neuen Blätter werden niewieder die Selben sein.
Noch sind ihre Körper feucht, ihr Leben pulsiert noch, obwohl sie unten auf dem Laubberg nicht mehr um ihr Leben kämpfen. Wenn ich sie anfasse, sind sie glatt und riechen wohlduftend. Sie sind weich und schmiegen sich in meine Handform in der Hoffnung, aus meinem Blut noch einwenig Leben zu erhaschen. Nein… Das stelle ich mir nur vor, weil ich ein Mensch bin und mit dem Tod im Kampf stehe. Ich ihn einfach nicht als Teil des Kreislaufes akzeptieren kann. Das sterbende Herbstblatt in meiner Hand jedoch ist anders. Während es in meiner Hand zuneige geht und seine letzten Sekunden an meiner fürsorglichen Wärme genießt, weiß es, dass es schon sehr bald trocken in meiner Hand zerbröseln wird und seinen Körper der Natur freigibt, damit sie sich von ihr ernährt. Nur ich stehe da und frage mich, warum es nicht mehr da ist. Und wie es sein kann, dass soviel vergeht – von Mensch zu Tier, von Blume zu Laub, von Augenblick zur Ewigkeit.
Selbst ein Laublatt ist weiser als ich es je sein werde. Denn diese Fragen stellt es sich nicht..
Mögest Du in Frieden ruhen. Eines Tages werde auch ich bei Dir sein und hoffentlich meinen inneren Frieden kurz vor den offenen Toren spüren. So wie Du. Und dann hoffe ich, dass auch ich meine Wange an eine liebende Hand laben kann und lächelnd meinen Abschied in die Luft küssen darf…
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19.10.2007, 03:49
Mr. Wayne Dyer
Oh Mann, Mr. Wayne Dyer, mit diesem Satz haben Sie bei mir komplett verschissen.
Wayne Dyer (“Mit Absicht”, S. 60): “Die Existenz des freien Willens ist nicht abzustreiten.”
Der »Freie Wille« ist sehr wohl abzustreiten. Ich sage nicht, dass Deterministen Recht haben – ich sage nur, dass Ihr Satz auf jeden Fall viele Gegenargumente hat. Dazu noch sehr Gute. Ich kann es einfach nicht leiden, wie Sie so tun, als sei das, was Sie von sich geben, die absolute, unantastbare Wahrheit. Ihr “Selbstbewusstsein” nervt mich. Gute Nacht.
Seit langer Zeit, so weiß man, ist es so, dass Menschen die Einheit suchen in der Hoffnung, dass diese alle Widersprüche auflöst und eine Art fließende Harmonie entsteht. Fließend, weil eine Stagnation jedem Menschen tot und faul vorkommt, wohingegen etwas Fließendes mehr zu der Natur allen Geschehens passt.
Das, worüber ich schreiben möchte, sind vielleicht Säulen des “Fließens”, der Bewegung, aber gewiss nichts, was ich noch achten könnte. Ich rede von der Politik, von Religion, von den gegenseitigen Polen in der Gesellschaft.
Immer mehr erkenne ich, wie aus Menschen, die einst für Humanismus und liberale Tendenzen in der Gesellschaft standen, aggressiv-radikale Züge entwickeln und sich bei der Verbreitung faschistischem Gedankenguts absolut im Recht fühlen, weil es ein Contra zu “anderem, faschistischen Gedankengut” ist. Immer mehr entdecke ich, wie gerade Leute, die versuchen, die Funktion und Struktur einer Gesellschaft zu ergründen, die gerade in einer Gesellschaft durch so unendlich viele Faktoren geprägt wird, alle negativen Aspekte dieser auf nur eine, leitende, tragende Säule schieben wollen, weil es um so viele male einfacher ist. Diese Einfältigkeit in der “Fehleranalyse” ist es, die Gruppen spaltet, intern für sich radikalisiert und deren Mitglieder wie wilde, scharfgemachte Hühner aufeinander aufgehetzt werden und an ihrem Höhepunkt des Kampfes explodieren und nichts Weiter hinterlassen, als Blut und Eiter. Eiter, der später bei der Folgegeneration solch’ eine Empörung hervorruft, dass man aus vergewaltigten Begriffen wie “Gerechtigkeit” heraus anfängt, weiterhin ein Getümmel zum Höhepunkt seiner Explosion zu bringen, das wieder Eiter spritzt.
Nach einiger Zeit der Beobachtung aus der Distanz, bemerken einige noch dreckigere Tiere, wie vorteilhaft man diese Schlacht, diese ungeheure Wut, diesen Drang, “Gerechtigkeit” – also Genugtuung und Rache – auszuüben dazu ausnutzen kann, um an seine eigenen Ziele zu erlangen. Ziele, die solcher Schlachten als Ablenkung und ideologische Legitimation und ideologischem Pathos bedurfen, um erreicht zu werden, ohne dass die Beute geteilt werden muss, weil die kleinen Schwachköpfe sich schon mit dem Hass zufriedengeben, der ihnen jeden Tag auf’s Neue wohlverpackt in (National)-Stolz, Religion oder “Kommunismus” serviert wird. Nach einiger Zeit sind die Kämpfer müde, tot, krank – aber sie erhalten Aufputschmittel von dreckigeren Tieren in jeder Form, damit die Show weitergeht. Aufputschmittel in jeglicher Form. Mal von “göttlichen” Unantastbarkeiten, mal von hohen Tieren, die durch ihre Herkunft eine menschliche Unantastbarkeit genießen. Dabei kommen dann so Sätze raus wie:
“Rüstet unter Euch Leute zum Kampf gegen die Midianiter,
die die Rache des HERRN an den Midianitern vollstrecken … Und
sie zogen aus zum Kampf gegen die Midianiter, wie der HERR es
Mose geboten hatte, und töteten alles, was männlich war … Und
die Israeliten nahmen gefangen die Frauen der Midianiter und ihre
Kinder; all ihr Vieh, alle ihre Habe und alle ihre Güter raubten
sie und verbrannten mit Feuer alle ihre Städte, wo sie wohnten,
und alle ihre Zeltdörfer … Und Mose wurde zornig über die
Hauptleute des Heeres … und sprach zu ihnen: “Warum habt ihr
alle Frauen leben lassen? … So tötet nun alles, was männlich ist
unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind;
aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch
[für Sex bzw. für Sklavendienste] leben.”
(Aus dem Alten Testament)
“Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die
Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert
sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf. So sie jedoch
bereuen und das Gebet verrichten und die Armensteuer zahlen,
so lasst sie ihres Weges ziehen. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig.”
(Aus dem Koran)
“Ein antizionistischer Jude ist tendenziell ein Antisemit. Der
Antizionismus ist für Nichtjuden wie für Juden nur eine Ausrede,
ihren Antisemitismus sozusagen in einer politisch aseptischen Form
präsentieren zu können. Kein Mensch geht hin und sagt: Ich bin
Antisemit. Es gibt keinen Antizionismus, der seinen Ursprung
nicht im Antisemitismus hätte.” (Henryk M. Broder)
“2003 kritisierte Ralph Giordano die Positionen der
Friedensbewegung zum 3. Golfkrieg, der er unter anderem
„Antiamerikanismus“ vorwarf.”
All das wissen sogar viele von unseren Kämpfern – doch egal, auf welcher Seite sie gerade sind, sie sind durch ihre Eitelkeit und durch ihren nicht-vorhandenen, aber hochgehaltenen Stolz und Kampf um “Gerechtigkeit” so sehr ereifert und berauscht, dass sie weiterhin wie dumme Lämmchen genau das tun, was das dreckigere Tier will. Sie lassen seltsame Sätze von sich weg, kategorisieren Menschen, urteilen sie ab, versuchen dabei aber immerwieder die Fassade des “Gerechtigkeitssuchenden” zu wahren, obwohl ihre ganze Rhetorik, das ganze Verhalten entweder nur dem eines Profilneurotikers gleich kommt oder eines hasserfüllten Virus’, der nur von diesem Hass geleitet wird; und nichts Anderem. Das heißt, jede noch so scharf erforschte Erkenntnis aus ihm dient nur dazu, weiter Hass zu versprühen, Hass und nichts weiter als Hass. Was das dreckigere, große Tier natürlich erkennt und genau solche armen, in sich und ihrem Hass verdammten, einsamen Wesen gezielt als “Aufputschmittel” nutzen.
Die einzige Pflicht, die beide Seiten noch haben ist die, dass sie aufhören, sich von den großen Tieren benutzen zu lassen. Aber das wird nicht geschehen, weil es niemals realisierbar sein wird, alle Menschen gleichzeitig dazu zu bewegen, alles niederzulegen. Nicht einmal, wenn man aus ein und der selben Gruppe kommt. Es wird immer welche geben, die in ihrer Eitelkeit weiter dazu aufmotzen, für das “Gute” zu töten, zu amputieren, zu vergewaltigen – und es immer weiter mit ihren guten Absichten für das eigene Volk, die Religion, die “Demokratie”, den “Humanismus” zu entschuldigen. Achwas, nicht zu entschuldigen, sondern zu loben.
Nach einiger Zeit des Gefechts, dann der Ermüdung und dann der Resistenz gegen noch weitere Aufputscher, liegt einer von ihnen am Rand der Kämpfe und beobachtet dieses Geschehen, ohne noch einmal das Schwert für dreckigere Tiere dienlich zu zücken. Dieser Jemand wird von den eigenen Leuten zwar als Verräter beschimpft, doch macht es ihm kaum noch was aus. Er geht hin und versucht mit der anderen Seite zu reden, an ihr verzweifelt am gemeinsamen Menschsein anzuknüpfen, um zu entdecken, dass sie fast das Selbe will wie die eigenen “Kameraden”. An dieser Erkenntnis angekommen, fragt er sich, wie man das Feuer der dreckigeren, großen Tiere stoppen kann. Aber die Antwort bleibt schweigsam vom lärmenden Kriegs- und Todesschrei der Anderen.
Schaut in den Spiegel – und Ihr seht das Abbild Eurer Feinde in Eurem eigenen Gesicht.
19.05.2007, 01:03
Gut und Böse
Seit wir auf die Welt gekommen sind, werden wir mit Informationen darüber gefüttert, wie man “gut” von “böse” unterscheidet. Wir leben in einer Gesellschaft und haben uns moralischen Normvorstellungen anzupassen. Wir wissen ganz genau, was richtig ist, was falsch. Unser Gewissen nimmt die Form der gesellschaftlichen, sowie staatlichen Erwartungen an. Im Laufe der Jahre erleben wir jedoch, dass es verschiedene Kulturen gibt, verschiedene Moralvorstellungen – und dass selbst die Moralvorstellungen innerhalb ein und der selben Gesellschaft sich im Laufe der Zeit komplett verändern können. Wir erkennen, dass Moral keine feste Instanz ist, sondern genauso sehr der menschlichen Subjektivität entspricht, wie die Wahrnehmung auch. Deshalb lautet meine Frage:
Warum ist gut gut und böse böse?
Viele werden vielleicht sagen: “Gut ist das, was das Leben erhält, was das Leben schützt, was das Leben liebt. Gut ist das, was anderen und mir keinen Schmerz zufügt oder auch Schmerz verhindert.”
Warum ist das nun so? Wenn wir hier “gut und böse” definieren, dann doch, weil wir uns in dem Moment als Ausgangspunkt und Dreh- und Angelpunkt der moralischen Instanzen sehen, oder? Würde das z.B. eine Tierart genauso tun wie wir, würde es zu ökologischen Ungleichgewichten führen und das System kollabiert. Überpopulation oder Artsterben würden nicht zu verhindern sein. Wenn ein Fuchs meint, statt einem Hasen pro Tag doch lieber zehn fressen zu wollen, weil es ihm und seiner Art “gut” tut, so definiert er das Jagen von zehn Hasen pro Tag als “gut” und bewirkt aber “Schlechtes”.
Was genau ist der Ausgangspunkt von moralischen Instanzen genau wert, wenn sie subjektiver Natur sind? Was, wenn eine gute Tat den selben Effekt hat, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, der eine große Katastrophe verursachen kann? Was, wenn unsere Vorstellung vom “Guten” einfach nur die Vorstellung vom “temporär Effektivem” im Sinne unserer Konsum- und Triebbefriedigungen ist und universell betrachtet aber nur die Zerstörung bedingt?
Was zum Teufel sind Gut und Böse?
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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