20.11.2011, 17:31
Little Bees Augen
Manchmal, da ist das eben so. Da fragt dich niemand Warum und Weshalb, und überhaupt. Da fragt niemand niemanden, und alle schweigen sich an, indem sie lachen und über das Wetter reden. Ich weiß nichts, und ich will auch nichts wissen. In meinem Kopf hämmert es. Vielleicht hätte ich das Buch nicht lesen dürfen. Und dann auch noch zweifach. Abwechselnd alle Kapitel einmal auf Deutsch, dann auf Englisch – oder umgekehrt. Kapitel um Kapitel. Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ähnlich wie bei “Die durchs Feuer gehen” habe ich mich fast übergeben, nein, bei Ersteren habe ich mich wirklich übergeben. Nicht so übergeben, wie bman sich bei “Feuchtgebieten” und den gewollt ekelhaften Scheiß übergeben würde, sondern übergeben, weil man über etwas liest, das es nicht geben darf. Einfach nicht geben darf, weil es das nicht geben darf. Das muss als Grund reichen. Punkt. Weil es das nicht geben darf, und weil es das gibt. Da versucht er, mein Mann, mir zu sagen, dass diese Geschichte so nicht abgelaufen sei, dass es eine Erfundene sei, auch, wenn es Schlimmere gebe oder auch ähnliche, aber dass diese Person, nein, die nicht. Die gibt es nicht. Und ich denke nur “Geh’, lass mich in Ruhe.” Ich weiß Bescheid, will ich ihm entgegen schmettern. Ich weiß Bescheid, dass das alles jetzt, jetzt, jetzt, j-e-t-z-t in diesen Sekunden mehrfach, hundertfach, tausendfach geschieht, und mehr als tausendfach. Denn jeden Tag, wenn einer dieser Menschen aufwacht, wird es sie verfolgen. Es wird sie verfolgen, bis es sie umbringt. Ich weiß Bescheid, will ich ihm sagen. Und ich will, dass er geht. Und er bleibt. Und ich bin erleichtert, dass er bleibt. Weiterlesen… »
“Erzähl’ einem suizidgefähredeten Menschen niemals, wie lebenswert das Leben sei. Es sind deine Gründe nicht seine. Das wird ihm weh tun, denn er erkennt mit einer großen Schlagwucht, dass er diese Gründe einfach nicht sehen kann – oder noch schlimmer: solche gar nicht hat. Er kann es wirklich nicht, verstehst du? Hör’ erst einmal nur zu, zeig’ Verständnis, aber signalisiere deutlich, dass Selbstmord keine Option ist. Bis hierhin klar?” Der junge Therapeut in Ausbidieldung nickt seinem Lehrer zu. Er steht auf, nimmt seine Patientenakte mit und geht hoch angespannt zu seinem ersten, wirklich herausfordernden Patienten.
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“Wenn du wirklich schreiben willst, dann hör’ auf, ständig über dich zu schreiben. Sätze, die mit ‘Ich’ anfangen und wirklich ‘Ich’ meinen, hängen den meisten leidenschaftlichen Lesern zum Hals raus. Woran das liegt? Ganz einfach. Die, die über’s Lesen hinausgewachsen sind, sind heimliche Idealisten und Weltverbesserer, die ihre Hände jedoch zur Ruhe gelegt haben und ihre Hoffnung in euch Schrifstellern legen. Sie erhoffen sich jemanden, der schreibend die Welt erklärt und sie danach auch gleich rettet. Es hat schon einen Grund, warum männliche Schriftsteller meistens die Besseren sind. Sie verstecken ihr Ego trotz ihrer unüberwindbaren Größe besser als Frauen, die durch ihre Lamentiererei ständig das eine Thema haben: Selbstfindung, Selbstverwirklichung, Neuerschaffung – nenn’s wie du willst. Dieses abgenutzte “Ich, meine Beziehungen, mein (innerer) Kampf, Hüpfididu, das Leben ist so schön, ich danke dir Gott, mein Beauty Tag” will niemand hören, der den Wert von Büchern wirklich kennt. Mach’ auf alles aufmerksam. Du bist schon tief genug mit involviert, allein aufgrund der Tatsache, dass du – ob du nun willst oder nicht – der Beobachter dessen bist, was du (be)schreibst oder als wertvoll genug ansiehst, es zu beschreiben. Mehr von dir brauchst du nicht hineinfließen zu lassen. Bis hierhin klar?” Die junge Frau nickt ihrem Mentor zu, packt ihr Notebook ein und setzt sich in die Bibliothek, um ihre ersten Zeilen zu tippen. Entmutigt stellt sie fest, dass sie über nichts anderes schreiben kann als über sich selbst. Gefangen in einem unendlich kleinen Kreis der reduzierten Interaktionen zwischen sich und ihren Männern, sich und ihren Freunden, sich und ihrer Vergangenheit, sich und irgend etwas. Zu mehr war sie nicht in der Lage. Weiterlesen… »
Er ruderte in seinen Gedanken wellentragend und nie von Wellen getragen. Stets hatte er die Kontrolle über sich, so dass er die Kontrolle über die Welt da draußen gar nicht erst brauchte. Denn er vergaß sie, in seinem eigenen Tun, vergaß er sie. Er erschuf sich selbst Probleme und stellte sie auf wie kleine Türme aus Bauklötzen, die man in eine sinnhafte Ordnung brachte, bis sie ein bewohnbares Gebäude ergaben. Warum? Um sie zu lösen. Weshalb? Damit das Lösen all der Probleme ihm ein Gefühl von scheinbarer Wirksamkeit verlieh, auch wenn das Problem ohne sein Zutun nie entstanden wäre. Da draußen vergehen Tage, in seinem Kopf vergingen verschwundene, kleine Türme. Eingepackt in eine fein säuberliche Schublade, die heißen konnte “Problem A – Gelöst” oder “Problem B – Schnell gelöst” oder “Problem C – Hervorragend gelöst”. Ja, das war sein Ding, das war seine Welt, das war sein Spiel. Und da draußen vergingen Wochen. Und bei ihm vergingen keine Nächte, denn stets war er wach, doch für alle anderen um ihn herum, war er im Tiefschlaf.
Wenn er Pause brauchte von seinem wichtigen Tun, las er ein Buch oder auch zwei oder auch zwölf. Bücher voller kleiner Probleme von anderen Menschen aus den Federn anderer Menschen. Da fühlte er sich in guter Gesellschaft, sich selbst sagend, er sei ja doch gesund, pflegte er doch soziale Kontakte im weitesten Sinne, wenn er las. Sah er doch die Protagonisten, unterhielt sich mit ihnen, löste in Gedanken ihre Probleme und stahl bekannte Gesichter aus einem längst zurückgelegenen Leben, um die Statisten in den Romanen mit Leben zu nähren. Und da draußen vergingen Monate, und bei ihm vergingen Wünsche von gemeinsamen Nächten.
An seinem letzten Problem angelangt, jegliches Gedankenexperiment durchgerannt, an allen Lösungen gescheitert und das Problem verflucht und wegverbannt, konnte er es nicht mehr lösen. “Hätte ich es doch niemals aufgestellt, diesen einen Turm. Wohin nun damit? Wie löse ich es? Was mache ich nun?” Und da draußen vergingen Jahre, und bei ihm verging die Seele. Zurückzuholen gab es da nichts, und die Zeit zu vergessen, das gelang ihm nicht. Die Schublade für Problem Z blieb leer. Und da draußen vergingen Jahrzehnte, und bei ihm verging ein ungelebtes Leben. Und so ging dahin ein nie geliebtes, nie gewesenes Wesen.
Ich habe letztens wieder junge Frauen bei einer Unterhaltung beobachtet, in der sie sich über Feministinnen ausließen. Und ich kann noch nicht einmal wütend sein, denn ich glaube, vor vielen Jahren noch hätte ich genauso reagiert. Da hieß es: “Bah, ne? Die sind so männlich und verbittert. Verschrumpelte Pflaumen. Wer will das denn? Meine Weiblichkeit aufgeben? Niemals! Das wollen die doch von uns, weil sie neidisch sind. Sie sind hässlich, also wollen sie von uns, dass wir weniger hübsch sind. Das nennen die dann Emanzipation! Am Schlimmsten ist ja diese Alice Schwarzer. Außerdem sind die eh alle lesbisch. Die sind ja nur so geworden, weil sie zufällig die falschen Männer abbekommen haben.” – Im Grunde war das eine eins zu eins Wiedergabe dessen, was Männer von Feministinnen halten. Das haben Männer inzwischen gut raus – wenn auch nur unbewusst. Sobald sie Frauen beeinflussen wollen, legen sie durch Nebensätze fest, was für sie attraktiv ist und was nicht. Und Feministinnen sind es definitiv nicht, sie sind groß und erscheckend, viel zu unweiblich, weil sie kämpfen, und Haare auf den Zähnen haben sie auch noch. Gerne biedern sich Frauen an, denn noch heute macht die Frau ihren ganzen Wert an ihrer Attraktivität fest. Solange sie von Männern als anziehend bewertet werden, sind sie glücklich. Wenn nicht, klopft die nächste Essstörung schon an der Tür.
Das ist also das Bild, das wir Frauen von Frauen haben, die sich ihr Leben lang für unsere Rechte eingesetzt haben, damit wir heute ohne die Erlaubnis unserer Männer, einem Beruf nachgehen dürfen. Damit wir ein Wahlrecht haben und damit wir in besonderen Fällen entscheiden können, was mit der Leibesfrucht geschieht. Außerdem dürfen wir Ehemänner seit 1997 tatsächlich wegen Vergewaltigung anzeigen. Vorher gab es “Vergewaltigung” in der Ehe gar nicht, weil wir ja Jahre vorher einmal das “Ja-Wort” gegeben hatten, und das natürlich auch bedeutet, dass wir einem ewigen “Ja” zur Herrschaft über unserer Körper zugestimmt haben. Hübsch lächelnd, mit Tränchen in den Augen, seufzend, zierlich und hoffnungslos hingebungsvoll. Steht schwarz-auf-weiß im Ehevertrag. Oder?
Ja, diese Frauen finden wir widerlich. Die Alice Schwarzers dieser Welt. Wenn mein Mann mich manchmal so nennt “Du Alice Schwarzer – in süß aber, nicht schlagen!”, dann fühle ich mich heute noch beleidigt, so schlecht ist der Ruf von Feministinnen. Um diesen kleinen Seitenhieben zu entgehen, habe ich mich einfach über diese Frau informiert. “Oh, einwenig radikal”, dachte ich. Aber was hat sie nicht alles erreicht? Die Frau ist doch tatsächlich 1979 nach Teheran gereist und hat mit den iranischen Frauen mitten auf der Straße gegen den Schleierzwang protestiert. Und noch sovieles mehr. Um klar zu stellen, dass das, was diese verbitterten, vertrockneten Pflaumen nicht die unterste Schicht des Frauseins sind und “armselige Geschöpfe” darstellen, möchte ich kurz und bündig ein paar Sachen auflisten, die sie – die Hässlichen – geleistet haben, damit wir – die Hübschen und Attraktiven, die in der Hierarchie der männlichen Fantasien oben stehenden, die, die sich aufgrund der männlichen Maßstäbe dann doch etwas wert sein können – eben nicht armselige Geschöpfe bleiben müssen. Aufgepasst! Weiterlesen… »
27.07.2011, 10:30
Sinkende Boote
Ich weiß, warum ich nicht mehr schreiben wollte – nicht mehr schreiben will. Ich fühle mich unverstanden, mehr als sonst. Ich habe zwei Artikel geschrieben, der eine hat vier Seiten, der andere fast drei erreicht. Doch kurz vor Ende bin ich abgesprungen. Wäre das digital möglich gewesen, ich hätte sie zerrissen und wütend weggeworfen. Sie handelten von Oslo, den Medien, Amy Winehouse und Religion und seiner Wirkung auf Kultur und Gesellschaft. Doch ich werde sie nicht fertig schreiben, nicht veröffentlichen, nicht vermitteln. Es bringt nichts. Zu sinnlos ist der Versuch, seine Gedanken zu teilen, es erreicht eh nur jene, die sowieso meine Meinung teilen. Alle anderen wird es zur Abwehr verleiten. Und überhaupt? Woher will ich wissen, dass die Dinge, wie ich sie betrachte, überhaupt richtig sind? Wer ist eigentlich mein Maßstab? Und selbst wenn ich einen hätte, wieso sollte er der Bessere sein? Was ist überhaupt richtig? Richtig, Gut, Falsch und Böse sind Synonyme für Dinge, die uns weh oder gut tun. Gut ist, was unserem hedonistischen Körper und Geist angenehm ist, und zwar so weit, dass es anderen nicht schadet? Diese Definition entspricht unserer Natur und unserem Wunsch nach Unversehrtheit und Freude am Ehesten. Aber was, wenn Kriege, Naturkatastrophen und destruktive Menschen wichtiger für den Erhalt irgendeines universell-kosmologischen Gleichgewichtes sind als das Gutmenschentum? Was ist richtig? Wer bin ich, das zu bestimmen? Wer sind wir? Vielleicht ist der ganze Wahnsinn hier notwendig für ein höheres Gleichgewicht. Wenn ja: Wer auch immer diese Notwendigkeit des Schmerzes und des Leides für ein Gleichgewicht entwickelt hat, ist ein elender Sadist.
Das Schreiben macht keinen Sinn mehr. Denn die Menschen verstehen mich nicht. Ich verstehe die Menschen nicht. Ich gehöre nicht zu ihnen, sie gehören nicht zu mir. Wir alle gehören nicht zueinander. In einer Wüste der Verlorenheit und des Vergessens irren wir herum – jeder für sich – und behandeln den anderen wie eine Oase, in der wir landen und stranden – und von der wir meinen zu wissen, dass sie nur eine Fatamorgana ist. Deshalb begegnen und verlassen wir einander so unverbindlich, unpersönlich und seicht, wie wir mit uns selbst verbunden sind: Nämlich gar nicht (mehr).
Nein, sinnlos dieses Schreiben. Die Geschichte wiederholt sich. Und wir Menschen wollen immer noch nicht wahrhaben, worin die Gründe von all dem Übel liegen. Es sind immer die anderen, es ist immer die USA, es ist immer Israel, es ist immer der Westen, es sind immer die Islamisten, es ist immer alles, nur nicht das Boot, in dem wir selber sitzen; und nur nicht wir. Und obwohl es mit anderen kleinen unschuldigen Menschen untergeht – sitzt man mittendrin und verlässt es nicht. Wir sind blind dafür, einzusehen, dass all die Bushs, Imperialisten, Kommunisten, Islamisten und Kriegstreiber dieser Welt nur eine Verkleidung und Manifestation dessen sind, was unser ursprüngliches Problem ist: Wir. Unsere Natur. Machtstreben, weil Einfluss einen befriedigen kann, weil Einfluss unsere “hedonistischen” oder größenwahnsinnigen Bedürfnisse nach Bedienung und Anerkennung schneller zum Ziel führen kann. Weil wir Horter sind, weil wir “Ehrgefühl” haben, das auf abstrakten, sinnentleerten Prinzipien basiert, Stolz, Rivalitäten, desorganisiertes Führen, weil das Führen nicht mehr der Gesamtheit der Gruppe, des Stammes, des Landes dient, sondern nur den eigenen Interessen. Einfach gesagt: Wir sind noch zu sehr Tier. Wären wir nur Tier, würden wir eine natürliche Grenze nicht überschreiten. Wir sind jedoch hochexploisive Intelligenzbestien mit zuviel Tier in uns. Diese Kombination macht uns gefährlich. Ein Tier, das genug Mittel hat, um seine impulsiv-animalischen Bedürfnisse zu befriedigen. Sind wir vielleicht eine Zwischenspezies auf dem Übergang zu zivilisierteren Wesen? Weiterlesen… »
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