Posts Tagged ‘Soziale Kälte’
11.09.2011, 15:10
Von vertrockneten Pflaumen

Ich habe letztens wieder junge Frauen bei einer Unterhaltung beobachtet, in der sie sich über Feministinnen ausließen. Und ich kann noch nicht einmal wütend sein, denn ich glaube, vor vielen Jahren noch hätte ich genauso reagiert. Da hieß es: “Bah, ne? Die sind so männlich und verbittert. Verschrumpelte Pflaumen. Wer will das denn? Meine Weiblichkeit aufgeben? Niemals! Das wollen die doch von uns, weil sie neidisch sind. Sie sind hässlich, also wollen sie von uns, dass wir weniger hübsch sind. Das nennen die dann Emanzipation! Am Schlimmsten ist ja diese Alice Schwarzer. Außerdem sind die eh alle lesbisch. Die sind ja nur so geworden, weil sie zufällig die falschen Männer abbekommen haben.” – Im Grunde war das eine eins zu eins Wiedergabe dessen, was Männer von Feministinnen halten. Das haben Männer inzwischen gut raus – wenn auch nur unbewusst. Sobald sie Frauen beeinflussen wollen, legen sie durch Nebensätze fest, was für sie attraktiv ist und was nicht. Und Feministinnen sind es definitiv nicht, sie sind groß und erscheckend, viel zu unweiblich, weil sie kämpfen, und Haare auf den Zähnen haben sie auch noch. Gerne biedern sich Frauen an, denn noch heute macht die Frau ihren ganzen Wert an ihrer Attraktivität fest. Solange sie von Männern als anziehend bewertet werden, sind sie glücklich. Wenn nicht, klopft die nächste Essstörung schon an der Tür.

Das ist also das Bild, das wir Frauen von Frauen haben, die sich ihr Leben lang für unsere Rechte eingesetzt haben, damit wir heute ohne die Erlaubnis unserer Männer, einem Beruf nachgehen dürfen. Damit wir ein Wahlrecht haben und damit wir in besonderen Fällen entscheiden können, was mit der Leibesfrucht geschieht. Außerdem dürfen wir Ehemänner seit 1997 tatsächlich wegen Vergewaltigung anzeigen. Vorher gab es “Vergewaltigung” in der Ehe gar nicht, weil wir ja Jahre vorher einmal das “Ja-Wort” gegeben hatten, und das natürlich auch bedeutet, dass wir einem ewigen “Ja” zur Herrschaft über unserer Körper zugestimmt haben. Hübsch lächelnd, mit Tränchen in den Augen, seufzend, zierlich und hoffnungslos hingebungsvoll. Steht schwarz-auf-weiß im Ehevertrag. Oder?

Ja, diese Frauen finden wir widerlich. Die Alice Schwarzers dieser Welt. Wenn mein Mann mich manchmal so nennt “Du Alice Schwarzer – in süß aber, nicht schlagen!”, dann fühle ich mich heute noch beleidigt, so schlecht ist der Ruf von Feministinnen. Um diesen kleinen Seitenhieben zu entgehen, habe ich mich einfach über diese Frau informiert. “Oh, einwenig radikal”, dachte ich. Aber was hat sie nicht alles erreicht? Die Frau ist doch tatsächlich 1979 nach Teheran gereist und hat mit den iranischen Frauen mitten auf der Straße gegen den Schleierzwang protestiert. Und noch sovieles mehr. Um klar zu stellen, dass das, was diese verbitterten, vertrockneten Pflaumen nicht die unterste Schicht des Frauseins sind und “armselige Geschöpfe” darstellen, möchte ich kurz und bündig ein paar Sachen auflisten, die sie – die Hässlichen – geleistet haben, damit wir – die Hübschen und Attraktiven, die in der Hierarchie der männlichen Fantasien oben stehenden, die, die sich aufgrund der männlichen Maßstäbe dann doch etwas wert sein können – eben nicht armselige Geschöpfe bleiben müssen. Aufgepasst! Weiterlesen… »

27.07.2011, 10:30
Sinkende Boote

Ich weiß, warum ich nicht mehr schreiben wollte – nicht mehr schreiben will. Ich fühle mich unverstanden, mehr als sonst. Ich habe zwei Artikel geschrieben, der eine hat vier Seiten, der andere fast drei erreicht. Doch kurz vor Ende bin ich abgesprungen. Wäre das digital möglich gewesen, ich hätte sie zerrissen und wütend weggeworfen. Sie handelten von Oslo, den Medien, Amy Winehouse und Religion und seiner Wirkung auf Kultur und Gesellschaft. Doch ich werde sie nicht fertig schreiben, nicht veröffentlichen, nicht vermitteln. Es bringt nichts. Zu sinnlos ist der Versuch, seine Gedanken zu teilen, es erreicht eh nur jene, die sowieso meine Meinung teilen. Alle anderen wird es zur Abwehr verleiten. Und überhaupt? Woher will ich wissen, dass die Dinge, wie ich sie betrachte, überhaupt richtig sind? Wer ist eigentlich mein Maßstab? Und selbst wenn ich einen hätte, wieso sollte er der Bessere sein? Was ist überhaupt richtig? Richtig, Gut, Falsch und Böse sind Synonyme für Dinge, die uns weh oder gut tun. Gut ist, was unserem hedonistischen Körper und Geist angenehm ist, und zwar so weit, dass es anderen nicht schadet? Diese Definition entspricht unserer Natur und unserem Wunsch nach Unversehrtheit und Freude am Ehesten. Aber was, wenn Kriege, Naturkatastrophen und destruktive Menschen wichtiger für den Erhalt irgendeines universell-kosmologischen Gleichgewichtes sind als das Gutmenschentum? Was ist richtig? Wer bin ich, das zu bestimmen? Wer sind wir? Vielleicht ist der ganze Wahnsinn hier notwendig für ein höheres Gleichgewicht. Wenn ja: Wer auch immer diese Notwendigkeit des Schmerzes und des Leides für ein Gleichgewicht entwickelt hat, ist ein elender Sadist.

Das Schreiben macht keinen Sinn mehr. Denn die Menschen verstehen mich nicht. Ich verstehe die Menschen nicht. Ich gehöre nicht zu ihnen, sie gehören nicht zu mir. Wir alle gehören nicht zueinander. In einer Wüste der Verlorenheit und des Vergessens irren wir herum – jeder für sich – und behandeln den anderen wie eine Oase, in der wir landen und stranden – und von der wir meinen zu wissen, dass sie nur eine Fatamorgana ist. Deshalb begegnen und verlassen wir einander so unverbindlich, unpersönlich und seicht, wie wir mit uns selbst verbunden sind: Nämlich gar nicht (mehr).

Nein, sinnlos dieses Schreiben. Die Geschichte wiederholt sich. Und wir Menschen wollen immer noch nicht wahrhaben, worin die Gründe von all dem Übel liegen. Es sind immer die anderen, es ist immer die USA, es ist immer Israel, es ist immer der Westen, es sind immer die Islamisten, es ist immer alles, nur nicht das Boot, in dem wir selber sitzen; und nur nicht wir. Und obwohl es mit anderen kleinen unschuldigen Menschen untergeht – sitzt man mittendrin und verlässt es nicht. Wir sind blind dafür, einzusehen, dass all die Bushs, Imperialisten, Kommunisten, Islamisten und Kriegstreiber dieser Welt nur eine Verkleidung und Manifestation dessen sind, was unser ursprüngliches Problem ist: Wir. Unsere Natur. Machtstreben, weil Einfluss einen befriedigen kann, weil Einfluss unsere “hedonistischen” oder größenwahnsinnigen Bedürfnisse nach Bedienung und Anerkennung schneller zum Ziel führen kann. Weil wir Horter sind, weil wir “Ehrgefühl” haben, das auf abstrakten, sinnentleerten Prinzipien basiert, Stolz, Rivalitäten, desorganisiertes Führen, weil das Führen nicht mehr der Gesamtheit der Gruppe, des Stammes, des Landes dient, sondern nur den eigenen Interessen. Einfach gesagt: Wir sind noch zu sehr Tier. Wären wir nur Tier, würden wir eine natürliche Grenze nicht überschreiten. Wir sind jedoch hochexploisive Intelligenzbestien mit zuviel Tier in uns. Diese Kombination macht uns gefährlich. Ein Tier, das genug Mittel hat, um seine impulsiv-animalischen Bedürfnisse zu befriedigen. Sind wir vielleicht eine Zwischenspezies auf dem Übergang zu zivilisierteren Wesen? Weiterlesen… »

19.07.2011, 12:42
Die Trennung gewinnen

“Es ist nicht einmal so, dass er mich aussaugt, so wie alle anderen Männer in meinem Leben das immer getan haben. Er saugt nicht. Er will nicht, dass ich etwas für ihn tu, er fordert nichts. Er will nicht, dass ich für ihn da bin, ihm geht es eigentlich entweder immer gut oder er macht die Dinge mit sich alleine aus. Er jammert auch nicht viel, und wenn ich mal keine Lust auf das Körperliche habe, um ihm in letzter Instanz klar zu machen, dass er mich verletzt mit seiner Ignoranz und Ungreifbarkeit, dann hat er zwar kein aktives Verständnis dafür, aber er bemüht sich auch nicht in typisch männlich egoistischer Manier, mich dazu zu ‘überreden’. Hat er überhaupt Lust?, frage ich mich. Das weiß ich gar nicht. Wenn wir zusammen liegen, hat er sie. Aber wenn nicht, dann fehlt ihm nichts. Ist das denn normal?”

Ihre beste Freundin überlegt, findet aber keine Antwort. Normal ist das nicht, nein, denkt sie. Normal ist, wenn Männer etwas zu viel fordern, ihre besitzergreifende Art an manchen Tagen von der Schmeichelei und dem wahnwitzigen infantilen Omnipotenzstreben abweicht und etwas belastend und einengend wird. Normal ist, dass Männer sexuelle Abweisung nicht lange aushalten und dann anfangen, sich alle möglichen Dinge einfallen zu lassen, um ihre Freundin erneut zu erobern – und sie haben Spaß daran. An diesem Erobern. An dem Versuch, Schiffe der Abweisung zu versenken und das letzte Schiff kapitulieren zu lassen, rein zu dürfen. Normal ist, dass Männer manchmal bei kleinen Wehwehchen großes Drama machen, nur um die mütterlichen Aspekte der Frau und die Anerkennung ihres Dramas herauszulocken. Männer brauchen eigentlich sehr viel Anerkennung für das, was sie tun und sind, während Frauen sie oft für ihre harte Arbeit im Haushalt, als Mutter und für ihre Einzigartigkeit und Schönheit brauchen. So unpassend ist das gar nicht die Sache mit Mann und Frau. Männer schätzen nichts mehr als ein ruhiges Zuhause, in dem alles seine Ordnung hat, in der die Frau ein warmes Nest, gleich dem bei Mama, zaubert. Und falls sie das nicht kann, kann sie das nur durch außerordentliche Attraktivität wett machen; und das aber auch nicht langfristig. Gut eingefädelt von der Natur, denn Frauen werden alt und müssen dann andere Dinge vorzuweisen haben, die den Mann an sie bindet. Männer auch. Wenn Attraktivität nicht vorhanden ist, dann lassen seine grauen Schläfen doch wenigstens die Illusion von Erfahrung und Erfolg zu. Die “Liebe” als Geben-und-Nehmen-Maschinerie. Ein Tauschgeschäft fast so verrucht wie das eines Freiers mit seiner Hure, nur dass sie sich nicht ein Leben lang geißeln lassen, sondern nur für die halbe Stunde. Wer ist nun kleverer?, fragt sie sich und kommt vom Thema ab.

Erst durch die soziale Evolution und der Vefügbarkeit von vielfältigen Beziehungskonzepten, Wald Disney und Träumereien, gingen die Liebesleben den Bach runter, vorher funktionierte die Aufgabenverteilung wunderbar. Verfügbarkeit, das ist das Gift- und Stichwort dieser Generationen seit der Industrialisierung. Klappt es mit der Einen nicht, klappt es mit der Anderen. Kriegst du heute keinen Sex, kaufst du ihn dir paar Straßen weiter an der Ecke. Und wenn dein Mann dich nicht glücklich macht, gehst du in die Stadt und kaufst dich Tüten voll ein, ziehst die Chiqueria an und lässt dir hinterherpfeiffen, bis du deinen weiblichen Seelenfrieden findest. So wirklich Sex braucht Frau dafür nicht. Hauptsache, sie weiß, sie könnte, wenn sie wollte, alle anderen haben. Außer ihren Freund, den sie wirklich will, den sie aber nicht haben kann, weil er nicht einmal einen Minusbereich an Gefühlen vorweist, sondern ein Vakuum ist, das Energie von ihr saugt, ohne sie zu wollen, geschweige denn zu verwerten. Gibt es eine größere Verschwendung? Weiterlesen… »

Kitty Genovese war eine junge Frau, die in einem englischen Viertel von New York ermordet worden ist. Sie hat lange und laut geschrien, deutlich hörbar gemacht, dass sie gerade in Gefahr ist – doch die Nachbarn schienen alle auf einmal auf beiden Ohren taub gewesen zu sein. Wir kennen solche Phänomene. Gerade in Deutschland scheinen die Menschen in Situationen, in denen ein Eingreifen nötig wäre, einfach wegzuschauen. Dabei meine ich nicht das Wegschauen im übertragenen Sinne, sondern echtes Wegschauen. Wie kann soetwas passieren? Eine vollständige Erklärung soll der Bystander Effekt nicht liefern, denn auch kulturelle Hintergründe scheinen bei dieser Verhaltenstendenz eine Rolle zu spielen. Dennoch möchte ich Euch einige sozialpsychologische Erkenntnisse aus den siebziger Jahren nicht vorenthalten, die etwas sehr Paradoxes herausgefunden haben. Die beiden Sozialpsychologen Bibb Latané und John Darley haben damals zu der Zeit, in der der Mord an Genovese stattgefunden hat, Vorlesungen gehalten. Sie waren zu der Zeit der Überzeugung, dass der Grund für die Ignoranz und Untägigkeit der Nachbarn in diesem Fall an der Reizüberflutung in der Stadt lag. Festzustellen war damals jedenfalls, dass Menschen in ländlichen Gegenden mehr halfen als Stadtmenschen, dass der Grund ein anderer war, als die Umgebungsvariablen “Land vs. Stadt”, fanden sie später erst heraus.

Die beiden stellten im Laufe ihrer Forschung also folgende, unintuitiv klingende Hypothese auf: Je größer die Anzahl der Zuschauer (Bystander) in einer Notfallsituation war, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hilft. Oder wie Latané damals sagte: “Wir kamen zu der Erkenntnis, dass möglicherweise das, was den Genovese-Fall so faszinierend macht, auch das ist, was ihn verursacht hat – die Tatsache nämlich, dass nicht nur einer oder zwei, sondern 38 Menschen zugesehen und nichts unternommen haben” (Latané, 1987 zit. nach Aronson, 2006). Wie lässt sich so eine paradoxe Annahme überhaupt begründen, fragt Ihr? Wir würden doch sofort denken, dass je größer die Anzahl von Personen um einen Notfall herum ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand endlich zur Hilfe eilt, oder? Dass dem nicht so ist, zeigt eine Serie von Experimenten, von denen ich eines herauspicke und kurz darstelle.

Im besagten Experiment saßen die Versuchsteilnehmer in Einzelkabinen und nahmen an einer Gruppendiskussion über den Alltag im College teil – und das über eine Fernsprechanlage (stellt Euch einfach Teamspeak oder eine multi Skype-Session vor). Einer der anderen Studenten hatte plötzlich einen epileptischen Anfall, schrie durch sein Headset nach Hilfe, gab Laute von sich, die erahnen ließen, dass er bald ersticken würde, bis er irgendwann abrupt verstummte. In dieser Studie gab es in Wirklichkeit nur einen Versuchsteilnehmer, nämlich die unwissende Versuchsperson. Alle anderen, einschließlich der, der angeblich diesen Anfall hatte, waren vorher auf Band aufgenommene Stimmen und stellten Attrappen dar. Weiterlesen… »

Heute war wieder einer dieser Tage, an denen ich draußen meine Spezies beobachtete und einfach nicht dazu gehörte. Ich, die ewige Beobachterin. Die ewige Nachahmerin eines scheinbar funktionierenden Glieds in der Kette der Gesellschaft. Verlogen wie ich bin, enttarnt man mich selten als Außenseiterin und unspaßigem Nichtsnutz. Außen vor, nie mittendrin, weil so fremd, so scheu, dass mir die Distanz schon weh tut. Der Himmel war mein einziger Freund. Da, der Himmel.