20.04.2012, 21:33
Finally
Gedruckt und abgegeben. Zweieinhalb Monate, nachdem sie bereits fertig war. Früher ging es jedoch nicht, weil mein Prüfer mir niemals geglaubt hätte, dass ich den Bearbeitungszeitraum von drei Monaten für mich auf zwei Wochen runtergebrochen habe. Ein wunderbares Gefühl, sie endlich los zu sein. Vermutlich ist das hier der sprachlich sauberste Text, den ich je verfasst habe, wo ich doch meistens so schlampig bin. [Einige von euch hatten mich gefragt, ob sie sie lesen dürfen. Ich kann sie euch gerne schicken, aber meine Bachelorarbeit beleuchtet eher neurobiologische und -anatomische Grundlagen der Posttraumatischen Belastungsstörung. Ich befürchte, das ist den meisten von euch zu langweilig.]


Heute gab es bunte Eier zum Frühstück; und obwohl ich kein Eiermensch bin, hat das Auge heute sehr gut mitgegessen. Ich fühle mich vitamingebombt. {Wusstet ihr, dass Eier mehr Vitamine haben als Obst?} Davon musste ich ein Foto machen, wenn auch nur sehr hektisch und technisch verschäppert {Ich hatte Mordshunger, okay?}. Die Farben beglücken mich wirklich sehr, ich war kurz berauscht und hab’ nur Regenbogenwölkchen gesehen. Ansonsten fühle ich mich ein wenig frühlingshaft fremdgesteuert. Ich weiß genau, was in meinem Gehirn abläuft, dass es mir so geht, wie es mir geht – aber irgendwie ändert sich durch die Erkenntnis nichts – so summe ich weiter vor mich hin und meine, das Glück sei mein Eigenes. {Das ist genauso wie mit dem freien Willen. Ich bin zwar Deterministin, aber das Gefühl, frei zu handeln, ist trotzdem stets präsent.} Meinen alten Matheintervallklammertick habe ich übrigens der Weberin zu verdanken, weil sie gerade ihre eigenen Eckigklammern nicht nutzen kann. Also fange ich – stellvertretend für sie – wieder an, meine eigenen zu nutzen. Ich weiß, das sind gerade ungemein wichtige Informationen, und Glück macht ein wenig dumm, aber diese Dummheit lohnt sich, bei Gott, sie lohnt sich wirklich, wenn man bedenkt, dass glückliche Menschen anderen selten weh tun. Weiterlesen… »
12.05.2011, 10:21
Pflichten
Sie sind mir im Moment so zuwider. Die kleinste Leistungsforderung meiner Kurse und Vorlesungen wird mit soviel innerem Aufwand betrieben, dass ich dazu neige, zu denken, dass sich das in diesem Semester gar nicht mehr rentiert, auch nur einen einzigen Finger zu krümmen, weil ich psycho-organisch dann im Minusbereich lande. Die Luft ist einfach raus. Ich bin zwar bald fertig, aber vielleicht möchte ich noch gar nicht fertig sein. Wir mussten so hart lernen, dass wir vom Studium nicht viel mitbekommen haben. Wir haben den Prozess der Identifikation mit dem Beruf des wissenschaftlichen Psychologen gar nicht richtig erlebt. Eigenintiatives Reinknien in Disziplinen der Psychologie, die einen besonders interessieren, waren kaum möglich. Ständig saß(en) irgendeine Hausarbeit, irgendeine Präsentation und zig Klausuren im Nacken. Dazu noch die Forderung, die bestmögliche Note in jeder noch so dämlichen Klausur und Hausarbeit zu schreiben, damit man nicht als Bachelor Psychologe arbeitslos bleibt, sondern sein Master machen darf.
Ja, die Luft ist raus. Wie gerne hätte ich alles zur biologischen Psychologie und Evolutionspsychologie in mich reinverschlungen. Wie sehr haben mich kognitive Informationsverarbeitungsprozesse interessiert. Wie gerne hätte ich mich einwenig tiefer mit den Neurowissenschaften, der Emotions- und Verhaltensforschung und vor allem der klinischen Psychologie beschäftigt. Ja sicher, meine Klausuren darin habe ich bestanden. Doch was heißt das schon?
Ich bin sehr wütend auf dieses neue System im Studium. Es trimmt uns zwar zu Höchstleistungen, aber es nimmt uns die Möglichkeit, uns unseren Interessen nach zu vertiefen. Zum Vertiefen und sich selbst in seiner Profession finden, bleibt keine Zeit. So ist es nun, dass wir nach sechs Semestern, kurz vor dem Bachelor Abschluss, immer noch denken, wir seien dumme, ehrgeizige Schüler, die ihrem Lehrer alles nacharbeiten- und plappern, was er von uns verlangt. Vielleicht bin ich heute einfach nur etwas negativ, denn eigentlich bin ich ja schon erstaunt darüber, was ich alles leisten kann, wenn ich nur eine Pistole an die Brust gesetzt bekomme. (Ich unterdrücke gerade ein verzweifeltes Lachen übrigens). Weiterlesen… »
Ich frage mich, wie sehr wir uns eigentlich noch selbst verarschen können. Beispiel: Ich habe mich in den letzten Tagen oft mit Malen, Schreiben, Photographie und Musik beschäftigt. Ich will nicht sagen, dass ich weniger depressiv bin dadurch als sonst in der letzten Zeit, aber wenigstens werde ich von meinen Gedanken nicht regelrecht gefickt bis zum Zusammenruch, wenn ich mich intensiv mit einer Farbe, mit einer Form, mit der Liebe und Hingabe zu einem Musikstück beschäftige. Irgendetwas passiert mit mir, vorallem wenn ich male. Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll – aber alle Gedanken und negativen Gefühle bündeln sich furchtbar gierig, stellen sich lieb und brav an und wollen von meinem Pinsel auf’s Blatt gebracht werden. Als würden sie sich auf die Freiheit freuen. Ich schaffe es, dieses Bündel an Negativität zu spüren, ohne ihnen aber die stechende Form von Gedanken zu geben. Das hört sich doch erstmal gut an, ja? Aber wie sieht’s nun wirklich aus?
Sagen wir, ich habe in den letzten Tagen erkannt, dass die größte Nebensächlichkeit in meinem Leben, die ich null ernstgenommen habe – nämlich die Poesie, Kunst, das Schreiben, das Malen, die Photographie – eigentlich mein Lebensweg ist. Meine Art und Weise, den Menschen in meiner Umgebung dienen zu können. Ich kann mit meinem Shit tatsächlich Menschen erreichen, sie berühren, ihnen trotz all der melancholischen Gedanken eine Art Hoffnung geben, weil es doch tatsächlich Menschen zu geben scheint, die deren Traurigkeit, ihre Einsamkeit und Stolperversuche in die große, weite Welt verstehen. Und was mache ich? Ich studiere Pädagogik, dann Orientalistik – und jetzt bald auch noch Jura! Zieht Euch das mal rein! (Ich muss mir grad’ den Mund zuhalten, sorry. Sonst schreie ich.)
Oke, Lachkrampf ist vorbei. Wieviele Menschen haben sich, ihre Berufung, ihre Lebensträume denn schon zugunsten der erwarteten Leistungen in der Familie, der Kultur, der Gesellschaft geopfert? Und warum ist es so einfach, diese starken, ur-eigenen Impulse zu verdrängen? Ist es nicht beängstigend, welche Macht Konditionierungen auf einen haben?
Nein, ich bin nun nicht befreit von solchen Selbstlügen, Selbstverleumdungen etc. Die Kunst wird weiterhin eine nicht erwähnenswerte Nebensache in meinem Leben bleiben, zumal ich sie durch meine Dummheit nicht einmal perfektionieren konnte. Ich fange nach 10 Jahren wieder an, zu malen, und bin noch immer auf dem Niveau der 12-jährigen Sherry. Um wirklich gut zu werden, bin ich schon zu alt. Um diese kleinen Nebensachen jedoch gänzlich aufzugeben, noch viel zu jung. Was machen wir nun? – Richtig: Jura studieren. Toll, Sherry, toll.
Oke. Lachkrampf ist vorbei.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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