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24.01.2012, 09:42
Hier für Jetzt

Lass uns ehrlich sein. Öffne deine Augen ohne die schon vorgedachte Silhouette, die du zu sehen erwartest. Lass uns offen sein, lass mich sein. Vergiss, was du erwartest, ich will, dass du siehst, wer ich wirklich bin. Was auch immer ich bin. Denk’ nur kurz nicht an den, der du bist. Entdecke die Welt ohne Vorwissen, und du wirst dich auf die Wiese werfen und liegen und träumen wie ein berauschtes Kind. Zähl’ nicht die Zeit, sie hat keine abgetrennten, kleinen Minuten, Sekunden und Stunden. Siehe, wie sie wirklich ist. Ein Fluss ohne Anfang, ohne Ende, ohne Richtung und mit einem geheimen Wissen über das Nichts. Wir wollen mit der Sonne verstecken spielen, in der Hoffnung, unsere Nacktheit sei nur eine Illusion, die wir vergessen können. Vergiss stattdessen lieber all die Bekleidung, all die Vorhänge und all die Wände. Wir Menschen ähneln einander zu sehr, als dass wir uns verheimlichen könnten. Selbst, wenn wir verschwinden würden. Sei kein Gast mehr, sei der Bewohner meiner Seele. Mir ist egal, wenn ich das Ich vom Du nicht mehr unterscheiden kann. Warum auch, wenn unsere Essenz eh vom selben Nektar ist? Warum auch, wenn Fleisch und Blut überall gleich sind? Sei da, mit mir. Nicht für immer. Doch für jetzt, bleib’ hier.

05.01.2012, 10:21
Sapienti sat est.

Wir haben ein Wesen bekommen, das zu Anteilen bestialisch und zu Anteilen mitfühlend und gut ist. Warum lässt man diese aufeinander los, in einer einzigen Brust, in einer einzigen Seele, in einem einzigen Kopf? Der Sinn der Sache kann nicht so einfach sein wie die Prüfung eines Gottes, der uns dem inneren Kampf zwischen Gut und Böse aussetzt. So ein Allmächtiger weiß doch eh, wie alles ausgeht. Er kennt uns besser als wir uns selbst. So einfach ist die Welt nur bei Harry Potter oder in den heiligen Büchern, aber nicht hier, nicht bei uns.

Ich will so unbedingt Dinge wissen, dass es mich krank macht. Mein Kopf rattert die ganze Zeit nach einer Weltformel, einem Stoff, der allem einen plötzlichen Sinn gibt. So unbedingt will ich Dinge wissen, dass ich wütend werde, wenn in all den eigentlich mich beruhigenden (Sach)-Büchern doch keine Antworten vorhanden sind. Romane befriedigen mich nur noch bedingt, geben nur noch sehr kleine Antworten auf die großen Fragen. Die Schriftsteller/innen, die es konnten, sind leider schon tot. Und die, die es nicht können, werden heute als weise gefeiert. Ich wollte Paulo Coelho schon immer einmal fragen, warum er die Muße hatte, spirituelle Reisen zu machen, wenn sein Leben wirklich schwierig war. Warum sucht man sich überhaupt, wenn Not besteht, echte Not, Überlebensnot? Maslow wusste es doch besser. Kämpfen wir um’s Überleben, denken wir nicht an innere Ruhe und Selbstverwirklichung, sondern an’s Essen, an’s, Nicht-Sterben, an’s Schlafen an einem warmen Platz. Musste er nicht um das Überleben kämpfen, anstatt ständig auf der Suche auf sich selbst und seinem inneren Frieden zu sein? Und wie kann man es schaffen, all das, was passiert, irgendwie noch einem guten Gott zuzuschreiben, den er ständig predigt? “Warum, Herr Colhoe, lassen Sie in Ihren Romanen immer die Hälfte der Wahrheit aus? Blenden die Gewichtung des Zerstörerischen aus, nur um Ihren Lesern Ruhe zu verkaufen, die Sie sich selbst verkauft haben? Können Sie, wenn Sie diese Aspekte unserer Realität einfach meiden, überhaupt von echter Weisheit sprechen? Muss der Weise überhaupt noch etwas leugnen? Und gibt es Weisheit überhaupt?” (Bedenkt, ich mag ihn sehr gerne, er ist ein guter Mensch, dieser Mr. Coelho.) Weiterlesen… »

02.01.2012, 04:16
Geschützt: Exsomnis

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28.12.2011, 03:02
380

Dreihundertundachtzig Tage sind wir hier. Du siehst die Veränderungen in und an uns. Und du denkst noch immer, wir seien gewappnet gegen die Spuren der Zeit? Vielleicht solltest du aufwachen, oder vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht. Dir scheint es in deiner Unbekümmertheit offensichtlich besser zu gehen, ewig besser zu gehen als mir. Wie ich das hasse. Dreihundertundachtzig Tage, und ich denke mir, wir sollten getrennte Wege gehen, weil wir sie schon immer gegangen sind, nur nicht offiziell, und ich will es endlich greifbar echt haben, damit ich raus kann, atmen und wieder auf eine Zukunft hoffen kann. Es langweilt mich, hier zu sitzen, deinen Geschichten zu lauschen, dabei interessiert zu tun und aufmerksam und eine Art sanftmütige Mütterlichkeit auszustrahlen. Was interessieren mich gezüchtete Kampfhähne? Das ist öde. Und hätte ich noch einen Funken Menschlichkeit in mir, würde ich sogar empört darüber sein. Dreihundertachtundachtzig Tage, und hundertneunzig davon habe ich alles versucht, um mich dir zu verwehren. Deine halbgare Lust widert mich an, deine programmatisch ablaufenden Handlungen, um mich rumzukriegen, lassen mich denken, ich habe es mit einem Einzeller zu tun, der in kleinschrittigen Instinkthandlungen agiert, alles tut, nur nicht denkt – geschweige denn es fantasievoll tut. Was bist du nur. Ein Parasit, der sich in ein menschliches Skelett eingenistet und die Steuerung des Großhirns übernommen hat, ja, so kommst du mir vor. Ich schlafe nicht mit Parasiten. Geh’ ins Rotlicht, lass mich das meinetwegen zahlen, ich würde es tun. Ich werde dich verlassen, die Anzahl der Tage nicht mehr überschreiten. Drehundertundachtzig. Unerträglich. Weiterlesen… »

Okay, ich trau’ mich jetzt zu veröffentlichen, was heute morgen um fünf Uhr entstanden ist. Ohne das Lied zu hören, kann man’s nicht lesen. Der Rhythmus muss davon vorgegeben werden, sonst wirkt es nicht.

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❊ Josh Vietti – Street Violin ❊

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Ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze. Ich wippe deinen Beat, ich wippe deinen Beat, ich tanze die Weisheit deiner Generation gegen alle Wände hinein. Bringe Sauerstoff zum explodieren, die Luft, sie atmet meine Energie in sich hinein und lässt Epilepsien sedierend sein, weil kein Mensch hier weiß, was echte Krämpfe sind, packe ich das Kind (in uns) und schüttel es zum Beat. Ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze. Lass uns wippen, lass uns hippen, lass uns zum Beat der Violine die Welt verlieren und all die versengten Tage auf einem Schlag von unser’n Sternen klauen, ihnen ihr Licht nehmen und unsere Seelen an diesem Verbrechen verlieren. Hörst du die Beats, hörst du sie schlagen, ich will dabei sein, wenn sie aus mir mein Ich zerreißen. Hörst du die Beats, wie sie mich jagen, damit ich frei sein kann, frei von all den Gedanken, all den Morgenfragen, all dem Nachtschweißbaden, all den Kriegsverbrechen, all den Lebenssäften und den Liebesklagen?

Ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze. Lass meinen Kopf seinen Schädel zerbersten, lass den Vogel seinen Käfig sprengen, lass mein Herz im gleichen Takt wie den Puls von Mutter Erde Blut und Sauerstoff pumpen. Lass mich frei, ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze, weil alles stirbt, außer die Bewegung, die’s mein. Hörst du den Beat, er frisst die Gitter unserer Gedanken, den schwarzen Dunst unserer vergrabenen Zukunft, er peitscht uns nach draußen, damit wir tun, wozu wir geboren sind: Nämlich Leben und Tanzen. Wippen und Tanzen. Fühlen und Tanzen. Ja, ja, ja, ja! Gib’, was du nicht hast und ich werd’ dich entführen, von dir selbst nur weg, nur weg, dich führen, von dir selbst nur weg. Zu mir, zu mir, einem mir, das nicht mehr sich selbst gehört. Und was bindet, wenn niemand mehr gebunden ist? Die reinste Form der Liebe, nur die reinste. Denn sie ist ungebunden und ungebunden ist unbegrenzt und unbegrenzt ist Alles und Alles, das sind wir. Die reinste, so edel wie der Stoff, den du dir durch die Adern jagst, wenn du mit Beats jonglierst und am Ende sie es sind, die dich jonglieren. So rein wie das Weiß, das deinem Leben bis zum Abgrund folgt, so wahr wie ein Kreis, der nach sich selbst sucht und die Unendlichkeit entdeckt, so verloren wie Hachiko, wenn es auf sein Herrchen am Bahnhof wartet bis zu seinem Tod. Ja, ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze. Vergiss dein Herz, lass es dort vor sich hin schlagen, sich selbst verjagen, nach Fragen fragen und die Antworten versagen. Was wir brauchen, hat nur der Beat, keine Herzen, keine Regeln, kein Gewissen und erst recht nicht irgendein göttliches Wesen.

11.12.2011, 01:49
Gestern und Heute

Denke ich an meine kämpferisch-idealistischen Vorhaben und Gedanken in meinen Jugendjahren zurück, frage ich mich zwangsläufig: Habe ich damals nur törichten Träumen nachgehangen, mich an unausgereifte Konzepte von Gerechtigkeit festgehalten, die fernab der Realität sind? Habe ich mir eine Welt erträumt, die es nicht geben kann, solange der Mensch seiner Natur treu bleibt? Und hätte ich selbst zur Waffe der Radikalität gegriffen, um das, was ich aus Liebe zu uns für das Beste hielt, durchzusetzen? Oder ist es eher so, dass ich heute falsch liege? Dass ich mich heute irre, wenn ich mich an eine groteske Realität anpasse, dessen hart verankerte Systeme wir schon längst wie Naturgesetze akzeptiert haben, sie für unabwendbar halten, um uns selbst mit einer selbst konstruierten Machtlosigkeit zu beruhigen? Wer hatte Recht? Ich damals, oder ich heute? Und nein, ich will nicht an Mittelwege denken. In dieser Frage bin ich kein Mensch der Kompromisse. Meine größte Schwäche – und meine größte Stärke zugleich.