Ich bewundere Ärzte, Psychiater und klinische Psychologen. Wie halten sie das nur aus, jeden Tag mit größtem menschlichen Leid konfrontiert zu werden? Es gibt Tage, an denen bin ich so unglaublich müde davon. Von Depressionen, bipolaren Störungen, Psychopharmaka, Psychosen, Schizophrenien, Angststörungen, Panikstörungen, somatoforme Störungen, Substanzmissbrauch, Suiziden und dem Thema: Auffangen von Hinterbliebenen.
Während man arbeitet, fühlt man sich stark. Die Verantwortung treibt einen bis zum Geht-nicht-mehr zu einer Selbstdisziplin, die ich mir gerade bei mir in der Form nicht vorstellen konnte. Aber wenn man beginnt, sich nur theoretisch anhand von klinikbezogenen Lehrbüchern, Studien und der Ätiologie dieser Krankheiten zu beschäftigen, kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem man einfach nicht mehr kann. Man lässt die Bücher fallen, fasst sich an den Kopf, denkt an all die Faktoren, die ursächlich für soviele Krankheiten sind und fragt sich: Wie zum Teufel soll ich das hier jemals stoppen? Dieser Wahnsinn wird nie ein Ende nehmen. Soviele Faktoren. Wie soll das gehen?
Heute ist so ein Tag bei mir. Klinische Psychologie deprimiert mich. Es deprimiert mich, dass soviele Menschen all das durchmachen müssen. Dass Menschen so verletzbar sind, so anfällig für Schmerzen, so anfällig bei schlechten Erfahrungen. So lähmbar bei Gewalt und Traumata. Und die Behandlungsmethoden gerade in diesem Bereich sind so kräftezehrend, sie erfordern so sehr die Mitarbeit des Patienten selbst, dass es allein schon an ihm scheitern kann, auch wenn man selber alles richtig macht. Leider kann man sie nicht betäuben und dann an ihnen rumschneiden oder Infusionen legen und gut ist. Sie gehören zum Therapiehandwerkzeug dazu. Heute deprimiert mich mein Fach. Heute ist die Berufung eine Last.
17.12.2010, 03:34
Ungesehen
Sie lachte laut und lenkte durch das vibrierende Echo von ihrem leeren Blick ab. Und jetzt ist sie weg. Und deshalb behaupte ich, ihr Blick sei leer gewesen, um ihrem Tun einen Sinn zu geben. Doch war er nicht. Dieser Blick war nicht leer. Er war voll, warm, stark, entschlossen. Wie der einer Kämpferin, selbstbewusst und mit einem gewinnenden Lachen – einwenig dreckig, verrucht, hitzig, wissend, fordernd. Nie zeigte sie Schwäche, unserem Gejammer begegnete sie mit einem heiteren “Das wird schon”. Manchmal, wenn der Dozent seine Unwissenheit outete, indem er sich schnell durch die Powerpoint Folien klickte und seine Didaktik zu wünschen übrig ließ, verbog sich ihr sonst freundliches Gesicht in einen streng fokussierenden Blick. Sie verschränkte ihre Arme – und man hörte quasi, wie ihr Gehirn zurückrechnete, die Folie mit der Kraft ihrer Gedanken zurückblätterte und den Fehler fand, den sie durch ein paar naiv gestellte Fragen vom Dozenten offenbaren ließ.
Das ist vielleicht alles, was ich von ihr mitbekommen habe. Ein paar Hin- und Herlächeleien hier und da, ein paar wechselnde Worte über die Hässlichkeit unserer Uni und der Selbstverliebtheit unserer Professoren, etwas Small-Talk. Sie wirkte kleiner, als sie ist, denn eigentlich war sie groß – größer als ich. Im Nachhinein frage ich mich, was sie versteckte und wieviel von sich sie abdeckte, um nur in dem einen Licht zu leuchten: Dem Licht der Frau mitten im Leben und nicht jener, die in einer einsamen Glaskugel saß und die Welt da draußen durch eine dumpfklingende Welle wahr nahm.
Wie alt war sie? Ich schätze, sie war um die Vierzig. Entschlossen, ein neues Leben mit einem neuen Studium zu beginnen. Mitten in einem vollen Saal von Psychologiestudierenden saß sie da und lernte die so sinnlosen Zahlen und statistisch genauen Forschungsmethoden, die uns doch nichts lehrten. Das Gehirn können wir in- und auswendig rauf- und runtersagen, wir kennen jeden scheiß peripheren und zentralen Nerv, wir wissen sogar, wo welcher Hirnventrikel sitzt, wo das akkustische System anfängt, wo der scheiß Anus aufhört, wann und wo der Befehl für die Bewegung des Armes stattfindet und wieviele, mechanistische Theorien über Emotionen es gibt – aber wir wussten nicht, dass diese Frau ihrem Leben ein Ende setzen wird. Dafür waren wir zu blind, taub und dumm. Weiterlesen… »
28.09.2007, 17:42
Her Pain
Ich weiß nicht, wieviele Wörter ich in den letzten drei Monaten in dieses Blog geschrieben habe. Es waren weniger als sonst – aber dennoch so unsagbar viele, die um den Hauptschmerz herum gefaselt haben, dass ich mir schon fast wie eine Heuchlerin vorkomme. Kein Wunder, dass ich mehr male, als schreibe. Dass ich mehr weine, als schlafe. Ich werde dennoch weiterschweigen, mir bleibt nichts Anderes übrig, denn die Kraft versiegt immer mehr.
Letztens fragte mich eine Freundin: “Sherry, wie geht’s Dir?” – Als ich zur Antwort ansetzen wollte, redete sie einfach weiter und weiter. Ich schluckte den Kloß ungekaut wieder runter, den ich zum Antworten aufgestoßen hatte. Sie meinte es nicht böse, wirklich nicht, doch für mich, die sich endlich dazu überwinden wollte, zu reden, war’s ein Game Over für die nächsten Tage. Also bleibt mir wieder nichts weiter, als zu malen, anstatt zu reden – oder in Schleiern zu schreiben.
Das Bild heißt »Her Pain«. Es ist meine erste Kohlezeichnung. Mit Kohle lässt es sich für mich nicht gut malen. Leider. Deshalb werd’ ich das wahrscheinlich so schnell nicht wiederholen.
(Medium).jpg)
“Nicht, dass ich wirklich selbstmordgefährdet wäre, nein. Ich halte mir immer nur diese kleine Tür offen, damit ich im Tragen dieser sinnentleerten Tage einen Fluchtweg sehen kann. Einen, von dem ich weiß, dass ich ihn niemals nutzen darf, egal was passiert. Das Licht, das mich erreicht, wenn ich mir vorstelle, wie ich mich selbst von dieser nichtigen Existenz wegschlachte – wegschlachte wie ein Stück Vieh – und befreit meinen Schmerz ausblute, was ich bis jetzt in Überdosierungen wie grün-gelbe Galle durch meine Adern habe fließen lassen, ist unsagbar schwerelos und warm.
Nicht, dass ich wirklich selbstmordgefährdet wäre, nein. Doch der Gedanke daran ist einfach nur kraftspendend und befreiend. Ich könnte, wenn ich wollte. Wie gut, dass ich könnte, wenn ich wollte. Wenn Ihr wüsstet, was ich könnte, wenn ich wollte… Und dass ich könnte, wenn ich wollte, macht mich unschlagbar.
Der Abgrund ist mein bester Freund, er schaut lächelnd hoch zu mir. Nicht, dass ich wirklich selbstmordgefährdet wäre.”
Von einem Unbekannten,
der Alles hatte,
Alles verlor –
Aber Nichts mehr zurücklassen wollte.
Schon gar nicht sich…
11.08.2007, 18:46
Tiefgedanken
Ich würde gerne Lieder hören. Doch die, die ich ertragen könnte, sind zu fröhlich und tun wiederum weh, weil sie Deiner nicht gedenken – und im Grunde doch gar nichts fröhlich ist. Und die, die traurig und tief sind, schleudern mich in den Schlund verachtungsschwangerer Gedanken gegen das Leben und seine Regeln – doch auch das wäre Deiner nicht würdig – denn ich soll ja leben, sagst Du. Egal, was ich tu’, ich tu’ das Falsche. Ich halte den Hörer in der Hand, um zu reden – aber am Ende lasse ich die Worte Anderer nur auf mir niederprasseln – unfähig, auch nur einem von mir kommenden Schmerz einen menschlichen Laut zu geben, damit er endlich nach draußen dringt. Wie ein Tier im Käfig gehe ich auf und ab, im Bestreben, eine Lösung zu finden – immer die Tatsache verdrängend, dass es gegen den Tod keine einzige Lösung gibt. Ich möchte weinen, fürchte mich aber vor der heißen Blutlache, die die Erde, auf der meine und Deine Zukunft blühen soll, zur endgültigen Fluchtlosigkeit verdammen würde. Ich möchte nicht jammern, wohlwissend, dass ich gerade ob der letzten Jahre nicht nur das Recht, sondern die Notwendigkeit habe, genau das zu tun.
Die Zeit – hält man mir immer vor – würde alle Wunden heilen. Doch ich habe zuviel davon, um die lang Strecke mit dieser Last leben zu können – und zuwenig davon, um irgendwann darüber hinwegzukommen, um den ersten Tag zu erreichen, an dem ich wieder lächle.
Ich entschuldige mich für soviele dunkle Schleier auf meinem Gemüt, die ich lüfte. Doch mit wem soll ich reden, wenn nicht mit Fremden? Fremde enttäuschen mich wenigstens nicht. Schönes Wochenende, Ihr Lebenden da draußen.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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