15.11.2011, 10:37
Normalität
“Hast du das gesehen?”
“Was genau? Was meinst du?”
“Na, da war ein Huschen über deinem Gesicht.”
“Ein Huschen, wie, wo?”
“Na, als du das Eichhörnchen gesehen hast. Ich habe es deutlich gesehen. Ein Huschen, so wie, wenn etwas, das glänzt, das Licht reflektiert, das auf es fällt – und alles plötzlich kurz aufleuchtet. Ich hab’s genau gesehen. Das Glänzen. Und Huschen!”
“Und was willst du mir nun damit sagen?”
“Ich will sagen: Herzlichen Glückwunsch. Du willst wieder leben.”
“Achso. Das meinst du.”
“Wie? So unbeeindruckt? Heißt das, du weißt es schon länger als ich?”
“Nein, nicht wirklich. Aber ich dachte immer, das Weiterlebenwollen würde sich anders anfühlen. Spektakulärer. So Feierlaunemäßig, obergroß, oberkrass eben. Aber es ist ein ganz normales Gefühl, so normal eben.”
“Na, es ist ja auch normal, leben zu wollen. Es gibt nichts Normaleres.”
Die junge Frau schaut ihren Onkel an und begreift jetzt erst, dass es normal ist, leben zu wollen. Dass es nichts Besonderes ist, wenn man Freude an einigen schönen Ereignissen wie das eines vorbeiflitzenden Eichhörnchens empfindet. Dass es hingegen außerordentlich war, dass ihr das Leben nicht wichtig war, dass sie ihre Ziele nicht nur nicht greifen konnte, sondern gar keine hatte, geschweige denn entwickeln konnte. Und dass sie sich ganz langsam und unmerklich mit dem milchigen Schleier, der ihren Blick auf die Welt abdämpfte, immer weiter runtergezogen hatte. Weiterlesen… »
14.11.2011, 21:55
Was nicht stimmt.
“Hast du gesehen? Es geht ihm schon wieder gut. Das Leben geht weiter, sagt er. Und das ist der Lauf der Dinge, und man muss das akzeptieren, sagt er auch! Und dass das okay so ist. O-k-a-y.”
“Ja, ich weiß, ich weiß. Ich hab’ auch mit ihm gesprochen.”
“Was stimmt mit uns nicht? Was nur?”
“Vieles.”
“Ja, was?”
“Wir haben anders geliebt. Mit unserem Leben. Und wenn wir mehr gehabt hätten, dann auch damit. Das stimmt mit uns nicht. Würdest du das rückgängig machen, wenn du könntest?”
“Nein, niemals.”
“Siehst du? Auch das stimmt mit uns nicht. In Kauf nehmen, was uns zerstört, weil wir nichts Halbes ertragen.”
Die andere nickt. Sie essen weiter.
“Und wenn wir einfach abhauen? Wir müssen nicht zurückschauen. Zurückschauen ist wie die leckerste Süßspeise im Gaumen schmeckend und seufzend zu kauen und dann auszuspucken.” Das war der Schlussteil ihres Appels an ihre Freunde. Sie will nicht mehr zurück in ihr altes Leben und hofft, in den Gesichtern ihrer Gefährten, die durch ein seltsames Schicksal zusammen gefunden haben, den selben, militanten Fluchtreflex zu entdecken, den sie nicht mehr zurück halten kann – und der sie nicht mehr los lässt.
“Aber was ist mit …”, wirft Aiolos ein und stockt, weil ihm dann doch nichts einfällt. Gäbe es in dieser Gruppe einen Anführer, wäre er es gewesen. Seine wachen Augen sahen alles. “Das geht nicht, Seda. Wir sind gebunden. Alle.” Sie schüttelt den Kopf. Woran genau waren sie gebunden?, denkt sie und vergisst diesmal das Sprechen nicht. “Woran? Woran Aiolos!”, setzt sie ihn unter Druck und schaut in die Runde rein. “Im Ernst. Denkt alle nach. Bitte. Denkt jetzt nach. Heute ist die Nacht der Nächte. Wir können alle unsere sinnlosen Leben beenden und neu beginnen. Gemeinsam. Ohne Gruppensuizid – den wir eh niemals umsetzen würden, wenn Plan A nicht klappt. Doch wie soll Plan A klappen, wenn wir ihn meiden? Unsere Geschichte kann nur ein Happy End haben, wenn wir uns aus diesem Kriegsgebiet unseres Lebens hinaushauen. Zusammen. Wir. Gemeinsam. Wir“, wiederholt sie verzweifelt, denn sie findet kein innigeres Wort, das ihre Verbundenheit beschreiben kann. “Ist das etwa unsere Freundschaft? Soll alles hier enden? Soll das hier alles sein? Wir wollten die Welt verändern. Wir wollten Grenzen durchbrechen, wir wollten der Liebe einen neuen Namen geben, wir wollten tausend Schleier im Flug gen Himmel zerreißen, und wir wollten uns in altes Pergament werfen und in den Gedichten der Alten unsere Träume wieder finden und mit ihnen tanzen. Wir wollten unsere Seelen wieder finden und müde in ihre Arme fallen. Hast du nicht gesagt, Aiolos, hast du nicht gesagt, solange die Träume eines Menschen schöner sind als sein Leben, hat er etwas falsch gemacht? Lasst uns hier weg. Lasst unser Leben schöner sein als unsere Träume, weil wir uns unsere Träume endlich nehmen. Wir nehmen sie uns, so wie sich das Leben nimmt, was es will, so nehmen wir uns, was uns zusteht. Wir wollten soviel tun. Wir wollten alles. Und nicht weniger. Wir wollten die Welt verändern, wir wollten dieses Haus am Meer …” Der Drang ihrer Lunge, Luft zu schnappen, unterbricht sie. Weiterlesen… »
03.11.2011, 09:01
Walking Alone
Einige unserer Wege gehen wir alleine, wenn nicht sogar ein paar mehr als nur einige. Egal, wer um uns herum ist, wir fühlen, dass wir an diesen Stellen unseres Lebens Dinge gesehen und erlebt haben, die keine Sprache haben, die ungesagt in unseren zugenähten Mündern Folterknecht spielen und immer unbemerkt und das Rätsel des Hofnarrs bleiben werden, der von seiner Königin zur Hinrichtung freigegeben wird. Denn niemand kennt die Lösung. Denn niemand weiß, wie das, was als Rätsel steht, benannt werden kann. Wenn wir uns solchen Wegen stellen, sie durch ihre engen Gassen hindurch kriechen, setzen wir uns einer Veränderung aus, einer Isolation, einer vollkommenen Verarmung an menschlicher Wärme und Wahrnehmbarkeit, dass unsere Existenz uns als Schein, als Illusion als unfassbares Nicht-Ereignis erscheint. Wir kollidieren mit allem Gewesenen, ohne dass es kracht, denn es gibt uns nicht mehr – und wir fallen während des Versuches, die eine Hand mit der anderen zu packen, um zu fühlen, um zu fühlen, dass wir echt sind, immer mehr. Denn wir fassen ins Leere.
Wir brauchen Wegweiser. So sehr wir die Tatsache hassen, dass wir alleine sind, den Weg in der unfreiwilligen Intensität, in der Höllenfeurigkeit nur alleine empfinden, so brauchen wir dennoch Wegweiser. Einen Menschen, der anders ist als wir. Einen Menschen, hereingezogen aus der normalen Welt, aus der festen Welt des routinierten, oberflächlichen Miteinanders, in der Dinge Namen und Farben haben, in der Dinge Konturen haben, in der sie aus Stein oder Plastik sind – damit wir nicht in unserer De-Realisation ersaufen, um uns nicht panisch in frei fliegenden, verschwindenden Seelenpartikeln aufzulösen, so als seien wir nur eine Erfindung unserer Selbst. So, als habe man sein eigenes Trauma nur selbst erschaffen, so, als sei man nur eine Ausgeburt der eigenen Bösartigkeit gegen sich selbst.
Wegweiser sagen, dass du da bist, dass du echt bist. Packen sie unsere Hände, lösen sie sich in den ihren nicht auf, weil sie ihrem Gefühl, sich alles nur eingebildet zu haben, nicht erliegen, wie wir es tun. Für sie stellt sich diese Frage nach der Echtheit und dem Wahnsinn gar nicht, denn nicht alle haben erlebt, was schier unerträglich, also unmöglich ist. Nehmt sie also mit, auch wenn ihr Leben so unglaublich anders ist als unseres. Als Öllampe oder als Goldmünze, in die ihr beißen könnt oder als Zwicker, der euch sagen kann: “Das hier ist real. Das hier ist leider kein Traum, sondern ein Trauma. Ja, das hier ist deine Hölle, und nun gehen wir sie schließen. Sie dichtmachen. Ich komme mit.” Nehmt sie mit, diese Wegweiser. Und geht eure Hölle schließen.

28.10.2011, 20:54
In sich gekehrt
Heute scheine ich vor allem die Einsamkeit eingefangen zu haben. Außer bei Mutter und Sohn erscheinen mir alle gedankenversunken, von ihrer Umgebung isoliert und müde vom Versuch, eine Verbindung zu den anderen und ihrer Welt einzugehen.






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