20.03.2010, 06:29
Mario und Minou
„Eine deiner angeblich guten Eigenschaften ist doch, dass du ach so einfühlsam bist!“, erhebt Mario seine Stimme und schaut wütend in das Gesicht seiner besten Freundin.
„Ja!“, brüllt sie zurück. „Das ist es. Was willst du mir jetzt damit sagen?“ Ihre Stimme ist unerträglich schrill, wenn sie wütend ist. Mario hält sich die Ohren zu, und am liebsten würde er sich auch die Augen zuhalten, als er die unerträgliche wutverkrampfte Spannung ihrer auf- und ab-bebenden Brust sieht. „Was hast du dir da bloß eingebrockt?“, denkt er sich noch und bereut, sich mit ihr angelegt zu haben. Sie konnte so nerv-tötend sein, dass man bereit war, sogar Verträge mit dem Teufel zu schließen, wenn sie doch nur ihren Drang, desaströs aufzutreten, unterbinden würde.
Sie stampft vor Wut auf den Boden und bringt ein lautes, undefinierbares „Hmmmmmgrrrrrr“ raus. Wie eine verzogene Göre meint sie, so den Lauf der Welt verändern zu können. Mario hingegen zeigt sich erleichtert. Denn seine Erfahrungen haben weitaus schlimmere Prognosen (Horrorvorstellungen) erstellt, die – Gott sei gedankt – nicht zu Stande gekommen sind. Nichts ist zu Bruch gegangen, weder Geschirr noch seine Nase. Sein Trommelfell scheint auch noch unversehrt zu sein, seine Kontrahentin heult nicht unkontrolliert, sein Kanarienvogel zeigt noch keine Anzeichen von Todesangst. Er unterdrückt ein Lachen bei dem Bild, das sie ihm bot. Sie sieht so niedlich aus, wenn sie mit ihren kleinen, herrischen Händen alles nach ihren Regeln anpassen will. Sie merkt es und schaut ihn mit einem vernichtenden Blick an – und Marios Augenbrauen runzeln erneut seine Stirn.
„Mario, so geht das nicht.“, sagt sie ruhiger, aber immer noch mit einem störrischen Unterton.
„Was genau geht nicht? Dass du keinerlei Rücksicht auf meine Gefühle nimmst?“, schleudert er ihr entgegen.
„Mario!“, ruft sie aus.
„Mariooo! Maaarioooo! Ich bin ein sterbender Schwaaaaan! Siehst du, wie ich sterbe, Mario?“, äfft er sie nach.
Sie fuchtelt mit den Armen, winkt ihn ab, macht auf dem Absatz kehrt, geht weg, dreht sich wieder um, geht schnellen Schrittes auf ihn zu und schmettert – Gott sei Dank nur mit Worten und nicht mit der flachen Hand, denkt sich Mario noch – ihm entgegen: „Du willst also, dass ich in unseren abendlichen Runden mit der Clique nicht mehr mit ‚fremden Männern‘ rede? Bitte, Mario. Wie weit soll das noch gehen? In der letzten Zeit behandelst du mich wie jemanden, der ständig mit irgendwelchen Typen ins Bett hüpft. Dabei sage ich nur ‚Hallo, hier, ja, du hast Recht, ich mag Rosa, keinen Fisch, ich, du, echt? Wieso das denn? Aha. Glückwunsch, Beileid, Auf Wiedersehen! Tschö!‘ und noch so uninteressanten Scheiß! Und du springst dem Olaf deshalb fast an die Gurgel? Mario, was kann ich denn dafür, dass du dich in mich…“ sie bricht abrupt ihren Satz ab und hält den Atem an. Das würde zu weit gehen. Sie durfte ihm nicht das Gefühl geben, dass es falsch gewesen war, mit ihr offen geredet zu haben.
„Ja, sag‘ schon. Dass ich mich in dich verliebt habe, Minou!“, beendet er laut ihren Satz. Als sie zur Antwort ansetzen will, hält sie die Luft an und seufzt sie wieder aus. Sie senkt ihren Kopf und schaut traurig umher. Hilflos wartet sie, bis Mario etwas sagt, denn die Stille zerreißt den Raum. Es knistert. Weiterlesen… »
~ Starsailor – Tie Up My Hands.mp3 ~
Ich habe damals immer so liebenswürdige Scheiße geredet, von der ich tatsächlich überzeugt war. Meine tiefsten Überzeugungen waren: “Letztendlich wird alles gut”. Meine Lieblingsweisheiten an Menschen mit verschlossener, unterkühlter Seele war: “Ja, gewiss. Natürlich machen Dich die Mauern schmerz-undurchlässiger. Aber bedenke, sie sind dann gleichzeitig auch undurchlässiger für tiefes Glück.”
Ich habe wirklich jedes verfickte Opfer gebracht, um durstig nach diesen mich tief erzitternden Gefühlen der absoluten Einheit mit der Menschheit zu erreichen. Ich hatte in meinem Leben schon Momente, in denen ich vor Glück alles, was ich in den Händen hielt, fallen ließ und die Luft anhielt. Für diese Momente hätte ich alles getan. Jede Unvernunft in Notwendigkeit umgewandelt, jede noch so große Hürde habe ich gemeistert, auf den Rändern irgendwelcher Klippen ins Endlose bin ich balanciert, in alle offenen Arme bin ich reingelaufen – immer mit der Überzeugung, dass grundsätzlich war kein Mensch böse ist. Böse Menschen waren nur Menschen, die leiden. Menschen, die leiden, brauchten nach meiner Auffassung aber nur Liebe. Die hätte ich mit meiner überschwänglichen Agapé-Liebe schon irgendwie heilen können, dachte ich.
Ich war schon immer ein sehr melancholischer Mensch, der jedoch mit einem sehr temperamentvollen Naturelle und viel Kampfeslust einherging. Aber das alles scheine ich nicht mehr zu sein. Die Melancholie ist zur Resignation aufgestiegen, die Kampfeslust für ein besseres Dasein zu einem alten Wappen, das ich irgendwann nach einer verlorenen Schlacht weggelegt habe. Diese Veränderung ist nicht von heute auf morgen geschehen. Ihr sind viele hässliche, traurige, zerschmetternde Ereignisse vorausgegangen, die ich auch niemals einfach benennen werden kann. Damals hätte die alte Sherry vielleicht darüber berichtet, denn sie hätte niemandem etwas Böses zugetraut. “Mein Gott, wer könnte schon so gemein sein und all diese schwachen, wunden Stellen an Dir dazu nutzen, um Dich zu quälen?” Heute sieht’s anders aus. Völlig anders. Ich weiß, es gibt diese Menschen. Ich habe es am eigenen Leib erlebt. Und Ihr vermutlich auch.
Während man noch dabei ist, sich über das Erwachsenwerden Gedanken zu machen, liegt man schon in der verfickten Scheiße des Erwachsenseins. Erwachsensein bedeutet nichts Anderes, als ein abgestumpftes, gestresstes Etwas zu sein, das seine amputierten Gefühle in irgendeine andere Bahn kanalisiert, um sie doch noch irgendwie zu entladen, wenn auch nicht in ihrer ursprünglichen Form. Bei mir ist es das Essen, bei anderen ist es Sex, bei einem Anderen wiederum ist es der Spaß an Selbstdarstellung. Dann gibt es noch die armen Schweine, die sich und ihre Persönlichkeit nur auf ihren Beruf und ihre gemachten Karriere reduzieren, als seien sie ohne nichts wert. Manche mutieren zum Nihilisten, um sich jede Sekunde einzuhämmern, man habe keine Empfindungen und Erwartungen mehr zum Leben. Andere wiederum gehen Menschen zum Spaß ermorden. Dann gibt es noch unsere Internet Junkies, die sich isolieren, aber aufgrund “reger Kontakte” in virtuellen Gefilden meinen, sie stünden mitten im Leben, während ihre Leben um sie herum jedoch einfach verfällt wie abgestandener Joghurt. Die Echtesten sind noch immer unsere Borderliner. Die Armen sind in einer Situation, in der sie wissen, dass die ganze Welt sich selbst verarscht, deshalb schneiden sie aus Verzweiflung an sich selber rum und sind dabei gar nicht so viel anders als die Aufzählungen vorher: Denn bei allen Beispielen handelt es sich um nichts Anderes als um Selbstverstümmelung auf die eine oder andere Art.
Ich frage mich, was es letztendlich ist, das aus uns das gemacht hat, was wir heute sind – nämlich absolute emotionale Versager! Wie oft muss ich noch erleben, wie die Augen der einen und selben Person bei jedem Mal, an dem ich sie wiedersehe, wie in Schlamm versinken und völlig leer und wieder einmal ärmer um einen Kindheitstraum raus blicken? Wie oft muss ich auf der Straße noch jemanden zusammen scheißen, der es tatsächlich wieder fertiggebracht hat, jemanden zu ignorieren, der auf dem Boden liegt und offensichtlich bewusstlos ist? Wie oft muss man die ignoranten, grauen Erscheinungen noch ertragen? Wie lange? Ich mutiere selber bald dazu. Dieser Prozess ist wie Ersticken. Meine Seelenfarben werden eingedeckt in Betongrau, damit sie auch zum Rest der Dreckswelle passen – und ich kann nichts dagegen tun. Es geschieht einfach. Ich krepiere wie alle Anderen auch, indem ich mich zwinge, nur auf der Oberfläche zu leben und nicht mehr in der Tiefe.
Letztens war ich im Amtsgericht irgendeine Formalität erledigen. Dort stank es nach seelischer Verwesung und Frigidität. Im Ernst. Ich hätte nie gedacht, dass man diesen Zustand riechen kann, aber es war so. Ich saß da, habe gewartet – und beim Anblick dieser eigenartig riechenden Menschen dort sind mir einfach so ruhelos die Tränen über das Gesicht gelaufen. Ich wollte jeden einzelnen, stumpfen Menschen dort eigenhändig ermorden. Nicht nur aus Wut, sondern um ihn einfach von seinem nutzlosen Dasein zu befreien. Schlicht und einfach töten und die verpestete Luft von ihrer klanglosen Frigidität befreien. Und da fällt mir auch wieder der Hauptgedanke zu diesem Chaos hier ein: Ja, es kann alles gut werden. Warum? Weil wir alle eines Tages sterben werden und uns und diese Welt von uns befreien.
Bis dahin möchte ich es mir aber noch gemütlich machen und so viel von meinem alten Scheiß in der Welt verbreiten, wie es nur geht. So viel die ursprüngliche Sherry verbreiten, wie es bei meiner fortschreitenden Mutationen noch möglich ist. Vielleicht bringt es ja doch noch etwas. Also, auch, wenn Ihr mir das jetzt nicht abnehmt – aber es gibt für mich noch immer nichts Schöneres als eine Umarmung. Als festgehalten werden. Zu wissen, man nicht alleine ist, auch wenn man sich einsam fühlt. Zu wissen, dass man sich gemeinsam einsam fühlt und das die Einsamkeit wieder aufhebt.
Deshalb hört bitte zu – und damit meine ich auch mich selbst. Bitte seid für Eure Mitmenschen mitverantwortlich, selbst wenn Ihr sie nicht kennt. Seid innerlich nicht so tot, dass eine weinende Frau auf der Straße Eures Blickes nicht würdig ist. Geht hin, fragt sie, was sie hat und ob Ihr etwas für sie tun könnt. Unterhaltet Euch manchmal mit Obdachlosen, denn sie sind so reich an Lebensgeschichten und tiefen Erfahrungen, dass einem schwindelig wird. Seid der kleine, überraschende Lichtblick der grauen Masse um Euch herum. Es muss nichts Großartiges sein. Ihr müsst nichts opfern. Ein Lächeln, ein überraschendes Grüßen, das scheulose auf Andere zugehen und die Bereitschaft zur Hilfe anbieten, kann in Euch und in andere Blumen zum wachsen bringen. Auch, wenn man Euch in Eurem Treiben kurz skeptisch anschaut, lasst Euch nicht aufhalten – ist das Eis nämlich erst einmal gebrochen, ist die Befreiung und das erleichterte Lächeln Eurer Mitmenschen Euch eine unvorstellbare Freude. Seid präsenter. Seid einfach da, verdammt. Ich gebe auch mein Bestes. Lasst es uns versuchen. Dann wird auch alles gut.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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