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13.06.2011, 14:29
Roxanne

El Tango de Roxanne

Manchmal zeigte sie ihm eine ganze Woche lang nicht einmal einen Hauch von Zuneigung. Keine Spur von einer inneren Überzeugung, dass sie ihre Gründe dafür hat, dass sie mit ihm zusammen war und nicht etwa mit dem übelriechenden Tankwart, der eine Kippe nach der anderen rauchte und die Kunden mit einem leicht sadistischen Lächeln Unbehagen bereitete. Das war jedoch auch immer die Zeit, in der sie körperlich viel Lust auf ihn empfand. Frei ließ sie sich, gab sich hin, warf ihren Kopf stöhnend in den Nacken und trieb ihn zu Höchstleistungen der Lust an, bis sie beide erschöpft in ihre Laken fielen. Jeder für sich.

Diese Vereinigung war kalt und so frei von tief-emotionaler Intensität, dass sie sogar ihm, der Lust hoch bewertete, zuwider war. So heiß es in der Luft auch war nach ihren Nächten, es war kalt in dem Vakuum zwischen ihnen. Er hätte in ihrer Leidenschaft durch jeden anderen ersetzt werden können, und sie hätte es nicht einmal bemerkt. War sie in dieser Phase der Distanz, so schlief sie nicht mit ihm, sondern schlief mit etwas, das sie befriedigte, nicht mehr und nicht weniger. Es gab keine Mittelwege, keine Symbiose zwischen einem „gemeinsam und animalisch“. Es war nur animalisch und einsam.

Manchmal, da war sie so. Diese Phasen dauerten jedoch nicht lange. Sie waren auch sonst nie so intensiv und greifbar wie dieses Mal. Sie zog sich Wochen lang hin, und er stand daneben, wie hinter einer Scheibe, und erreichte sie nicht. Also beobachtete er sie. Wie sie sich im Haus bewegte, wie sie ihn begrüßte, das Essen zubereitete und es ihm auf den Tisch legte. Alles war barscher, aber unmerklich barsch. Rascher, aber unmerklich rasch. Ihre Hand zog sie von seiner Berührung vielleicht nur einen unmerklichen Moment früher weg als sonst, doch die Kraft dahinter, die spürte er – und sie war wie eine Ohrfeige. Es war kein Loslassen, es war ein Wegziehen. Es war kein Schweigen, sondern ein Ersticken seiner Fragen. Das war kein Blickkontakt beim Besprechen des Alltages, sondern eine eingehaltene Konvention. Manchmal, so hatte er das Gefühl, sah sie sogar durch ihn hindurch, so als sei ihr Wohnzimmer schon ohne ihn geplant.

Nachts schlief er nicht mehr gut, denn sie tat es in der hintersten Ecke des Bettes – eingerollt und den Rücken zu ihm gedreht. Ihre weichen, weißen Brüste waren nicht mehr für ihn gedacht, er konnte sich nicht auf ihren Bauch legen und durch die Welle ihrer Atmung einschlafen. Auch seine Schultern hatten ihren Sinn verloren. Kein zartes Wesen um ihn herum in Sicht, das manchmal ihren Schutz bei ihnen suchte. Er lag wach und befürchtete das Schlimmste. Dass sie jemand anderen gefunden hatte, jemand anderen, der ihr den Nacken streichelte und ihre dunklen Locken zähmte, wenn sie aufgebracht war. Jemand, der ihr einfach mehr war als er ihr das jemals sein konnte. Jemand, den sie dieses Vakuum nicht spüren ließ, bei dem sie seine Hand nicht einmal losließ, geschweige denn wegzog. Doch warum, fragte er sich, schlief sie noch mit mir? Frauen taten das normalerweise nicht, wenn sie emotional von einem entfernt waren. Was also war los? Weiterlesen… »

19.10.2006, 23:08
Oktober der 19.-e

(Vom 19. Oktober 2004 – Brief.mp3)

Heute ist der 19. Der 19. Oktober. Der 19. Oktober 2004. Ich kenne dieses Datum genau. Genau vor einem Jahr vergruben sich seine Zahlen in mein Herz und krallten sich atemstillend ein. Lebensberaubt, blutübergebend, niedergetreten, bettelte ich um Stillstand – in welcher Form auch immer – der Tod war erflehter Gast.

Der 19. Oktober letzten Jahres war jener 19. eines Oktobers, an dem wir uns das dritte Mal zerissen. Wie sehr Du Dein eigenes Glück doch mit Füßen getreten hattest und schon Tage danach händeringend meinen Tränen bis zum Boden folgtest, um in ihrem Geschmack meine Liebe aufzufangen, ohne die Du nicht leben wolltest. Nein, nicht konntest.

Alle wandten sich ab von Dir. Mama wollte kein Wort mehr über Dich hören. Meine Schwester bemitleidete Dich. Mein Bruder vergaß Deinen Namen. Hafez gab Dich auf. Selbst Du verachtest Dich, schiebst alle Schuld auf – und hasst mich.

Ich will heute nicht über jene Dinge reden, die Du wortlos geschworen, noch herzzerfetzend gebrochen hast. Kein Wort über die Demütigung jener Person, die Dir das Lieben offenbarte. Kein Wort über die Härte Deiner Hiebe, um meine Tränen versiegen zu lassen, wenn Du Deine Scham nicht tragen konntest. Ich will heute, dem prägendsten 19-ten meines Lebens gedenkend, über Deine Güte reden.

Über Spaziergänge in hoffnungsvollen Nächten, in denen ich Dir zehn Schritte kichernd vorausrannte, die Augen schloss, die Arme hob und mich nach hinten fallen ließ – immer bangend, doch immer vertrauend, dass Du mich auffangen würdest. Lachend tatest Du es, mehr als ein Duzend Mal. Ja, mehr als ein Duzend Mal

Sollen alle heute wissen, wie Du nachts im Halbschlaf die Decke um mich wickeltest, wie bei einem Kind bis zum Kinn. Sollen heute alle wissen, wie Du schlafend murmeltest “Ich liebe Dich…”, wie Du Dich bei jeder Bewegung von mir wie im Greifreflex eines Baby’s in meinen Oberarm kralltest und aus einem schlafend-nuschelnden Mund ein “Bitte geh’ nicht weg von mir…” herausgeatmet kam.

Heute sollen alle wissen, wie ich wutentbrannt die derbsten persischen, türkischen und deutschen Schimpfwörter in Dein Gesicht schleuderte, mit geballten Fäusten gegen Dich schlagen wollte. Sollen alle wissen, wie Du diese Faust zuerst mit Deinem Oberarm, dann mit Deiner Hand abfingst, sie erst mit Gewalt, dann mit Sanftmut schweigend öffnetest und die Innenfläche küsstest. “Bitte, mein Schatz, tu’ das nicht.”, sagtest Du mit großen, traurigen Augen – und die schamhafte Stille in mir regierte kapitulierend den Raum.

Heute wollte ich über Dich, ja wirklich über Dich, reden. Über die schwere Geburt Deiner ersten Liebeserklärung, wie Du stottertend-krächzender Kehle heraus in mein Herz stolpertest und dann erstaunt ob Deiner eigenen Courage sagtest: “Ich hab’s gesagt. Ich hab’s zum ersten Mal in meinem Leben gesagt…” Erinnerst Du Dich noch an Dein erstes Glaubensbekenntnis? “Ich weiß jetzt, es muss einen Gott geben. Anders kann ich mir Dich nicht erklären…”

Ja. Darüber wollte ich schreiben – über Dich und das Schöne in Dir. Aber nun fehlen mir die Worte – und ich muss mich meiner Unfähigkeit beugen.

Doch sollst Du wissen, ich hasse Dich nicht. Denn niemanden hast Du mehr verlassen als Dich selbst, als Du Dich drei Mal trenntest. Trenntest, weil Deine Familie mich “Böse Zauberin” schimpfte, denn ich war “anders” als Ihr.

Das weißt Du – und genau deshalb – ein Jahr später, höre ich Dein Atmen in der Aufnahme meines Anrufbeantworters. Stillschweigend, leise atmend – meinem Ansagetext auf ein Neues horchend. Nur deshalb.

Leb’ wohl, mein Verlorener. In meinen Gebeten bitte ich immer um Dein ehrliches Lachen – sollst auch Du Deine Liebe finden – so wie ich jetzt meine fand. Und falls Du mich hier aufsuchen solltest und mich lesen solltest, so tu’ uns den Gefallen und beschmutze unsere Geschichte nicht. Denn sie war etwas Besonderes. Dein Hass wird vergehen, sobald Du Dir verziehen hast – so wie ich Dir.

Ja. Hörst Du?
So, wie ich Dir.