Posts Tagged ‘Vergangenheit’

Ich schließe mich Maryams Idee an, die letztens einen schönen Blogeintrag mit einigen ihrer Beiträge gemacht hat, die im Entwürfe-Ordner gelandet sind. Danke noch einmal für die Idee. Der Grund, warum meine Beiträge in “Entwürfe” landen, liegt daran, dass ich sie entweder zu leidenschaftslos oder zu leidenschaftlich finde. Meistens aber übersentimental und verschnörkelt. Ich ertrage nichts mehr dergleichen, phasenweise lehne ich die eine oder die andere Seite mehr ab. Am meisten hasse ich mich, wenn ich traurig bin oder unharmonische Sätze schreibe, die einen stolpern lassen.  Wie bei diesen zwei Exemplaren hier.

Fliehender Regen, fliehendes Leben

Kopflos wie ein Schrei in die Leere hinein, gehe ich durch die Gassen. Ich frage nach dem Regen, weil er doch stürmisch alle Stricke reißt, die man nicht mehr halten kann. Meine Faust greift um sich, um sich doch noch zu halten. Greift um sich, ziellos, verwirrt, Hauptsache um sich. Um sich zu halten. Nichts loslassen. Loslassen könnte mich ja befreien. Und was soll man dann tun, wenn man plötzlich entfesselt nackt im Leben steht und wählen kann? Loslassen könnte mich gehen lassen, fliehen lassen, fliegen lassen, atmen lassen, leben lassen, mich endlich sterben lassen. Ich will doch noch weiter leiden, hier hält mich viel. Diese nassen Straßen haben den Regen aufgesaugt, ihn einverleibt, ihn in ihre Steinpflasterrillen durch die Untererde verteilt. Ein Glas Wasser sitzt auf der Fensterbank eines Schlafenden und spricht zu mir. Komm’ trink’, sagt es – oder bin ich es, die spricht zu mir? Wer weiß das schon. Ich greif’ es mir, schlucke gierig nach dem Regen darin, fühl’ mich wie der raubende Asphalt, weil ich gestohlen habe, was anderen Heil bringen will. Ich renne weiter. Kann das Glas nicht loslassen. Immerhin ist da der Regen drin. Gewesen, das reicht schon, als Erinnerung verweilt er darin. Das reicht schon. Meine Faust greift um sich, um sich zu halten. Greift um sich, ziellos, verwirrt, Hauptsache um sich. Um sich zu halten. Nichts loaslassen. Loslassen könnte mich ja von der Leere befreien. Leere Inhalte, leere Gläser, denke ich. Das ist vielleicht das, was du nicht loslässt, aber was dich schon längst verlassen hat. Menschen, Fehler, Vergangenheiten. Ich renne weiter und will sie weiterhalten, als Beweis meiner eigenen Existenz – trotz all des Würgereizes – in mir halten. Trotz der Einsicht, trotz der Insicht all das Tote mit den Fäden eines Puppenspielers am laufen halten. Also jage ich sie. Die Vergangenheit. Verpasse den Zug des Lebens immer nur um Haaresbreite, oder verpasst er mich um all die Jahre? “Falsche Richtung”, ruft eine schöne Frau, die immer schwächer und blasser wird, je stumpfer ich gen Vergangenheit renne. Doch meine Beine tragen mich. Dahin, wo ich nicht hin soll, nur hin will. Meine Faust greift um sich, um sich zu halten. Greift um sich, ziellos, verwirrt, Hauptsache um sich. Um sich zu halten. Nichts loslassen. Nichts loslassen und damit das Leben verlassen, das Leben verpassen. Alt und grau, müde vom Jagen, warte ich noch einmal auf den Zug des Lebens. Doch einsteigen tu’ ich nur in den Zug des Vergehens.

Was man mir nicht ansieht ist: Ich bin zu einem Viertel Deutsch. Und meine Ur-Großmutter war Tschechin. Eine berüchtigt schöne Frau mit dunklen Haaren und markanten Gesichtszügen, die Strenge und Wärme zugleich ausstrahlten. Mein Ur-Großvater verliebte sich damals auf der Stelle in sie, doch die Geschichte ihres Zusammenkommens ist fast so kompliziert, wie die Liebesgeschichte meiner eigenen Eltern. Als mein Ur-Großvater starb, starb meine Ur-Großmutter nur wenige Monate später mit ihm. Wenn man die Selbstaufgabe und die Notwendigkeit, morgens aufzustehen und das Fenster zu öffnen einen Tod aufgrund eines gebrochenen Herzens nennen kann, dann kann man sagen, sie starb an einem gebrochenen Herzen. Ja.

Aus dieser seltsamen iranisch-deutsch-tschechischen Verbindung sind meine wunderschöne Mutter und mein Onkel hervorgekommen. Beide haben sie smaragdgrüne Augen, eine helle Haut und kastanienbraunes Haar. Ihre Gesichtszüge sind nicht iranisch, aber auch nicht deutsch. Niemand kann wirklich einschätzen, woher sie stammen. Sprechen sie deutsch, haben sie einen persischen Akzent. Und auf Persisch unterhalten sie sich lieber als auf Deutsch. Groß und schlank sind sie, so ganz anders als meine Familie väterlicherseits, die sehr iranisch ist – einerseits persisch, andererseits azari – und die eher eine kräftige und robuste Muskulatur und Skelletur hat, während mütterlicherseits alles sehr zart, schlank und groß ist. Wir sind nun aus dieser schönen Mischung hervorgegangen. Ich habe schwarzes Haar und typisch iranische Augen und Augenbrauen, aber bin recht hellhäutig und groß für eine Iranerin. Meine Schwester scheint der Linie meiner Mutter eher zu entsprechen. Sie ist sehr hellhäutig und hat hellere Augen als ich, ihr Haar ist kastanienbraun – aber sie ist kleiner als ich. Mein Bruder hat dunkelbraunes Haar, ist von der natürlichen Statur her sehr groß, aber hat die starke Muskulatur und das starke Skellet meiner Familie väterlicherseits bekommen. Dennoch hat er zierliche Anteile mütterlicherseits im Gesicht und an den Händen.

Meine Oma mütterlicherseits – eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit, der man große Ähnlichkeiten zu Elizabeth Taylor nachsagte – ist sehr früh verstorben, so dass meine Mutter mir nicht viele alte Geschichten aus jener Zeit erzählen kann. Doch die fünfhundert Bilder in schwarz-weißer Seelenmalerei, die wir von meinen Ur-Großeltern entgegen genommen haben und in Ehren halten, erzählen Geschichten, die heute noch leben. Alte Briefe sind darin versteckt und mit Liebe zusammengefaltet. Postkarten, kleine Notizen, schüchterne Liebesbekundungen, erzählen von heimlicher Liebe und Trennungen und Vereinigungen durch Krieg und Frieden. Ich fand zwei selbstgemalte Bilder, die meine Mama als Kind gekritzelt hatte und ihrer Oma – meiner Ur-Oma – geschenkt hatte. Sie hatte es datiert und aufbewahrt. Weiterlesen… »

Das hier ist Schönheit. :rose:

“Von Dir reden bedeutet, zu atmen
Von mir abzulassen bedeutet, Dich zu erreichen”