Posts Tagged ‘Verzweiflung’
04.05.2012, 19:04
Die Steigerung von Einsamkeit

„Ich dachte, es gäbe keine Steigerung von Einsamkeit, aber jetzt weiß ich, es gibt sie. Sie heißt: Ausgeliefertsein.“

„Ich verstehe nicht so recht!“, warf die andere ein. Sie hatte Einsamkeit immer als eine Art Nullzustand empfunden, der in seiner Nichtheit nicht mehr übertroffen werden konnte. Einsamkeit, das bedeutete, irgendwo im Dunkeln zu sitzen und nicht mehr darauf hoffen zu können, dass irgendwann irgendjemand kommt. Wie kann es da eine Steigerung geben? Löschte man die Singularität des Einsamen, indem man ihn aus der Szenerie rausholte, könnte man da noch von Einsamkeit sprechen? Bildlich vielleicht schon. So würde man vermutlich sagen: „Das hier ist ein einsamer und verlassener Ort“. Doch dem Ort würde das nichts ausmachen, er wäre sich seiner Einsamkeit nicht gewahr, also wäre er auch nicht einsam.

“Das kann ich dir erklären”, leuchteten die Augen der einen. “Wenn du einsam bist, weil du wirklich alleine bist, also weil wirklich keine Person um dich anwesend ist, dann kann diese Einsamkeit doch noch ganz gut ertragen werden, weil sie die absolute Ausweglosigkeit gar nicht erst entstehen lässt. Immerhin kann man in solch einer Situation noch von der eigenen ‚Wahl’, einsam zu bleiben, ausgehen; im Sinne von: ‚Wenn ich wollte, könnte ich unter Menschen gehen, und wenn ich mich noch ein wenig mehr anstrengen würde, könnte ich vielleicht sogar einen geselligen Abend mit ihnen verbringen, der mir wenigstens durch einige, wenn auch wenige, gemeinsame Berührungspunkte mit ihnen die Einsamkeit verjagt’, nicht wahr? Aber was machst du, wenn du schon in Gesellschaft bist und neben deiner eigenen Angst, aus dir rauszukommen, schon beim leisesten Versuch, es zu tun, auf groben Widerstand in Form von Missachtung stößt? Was dann? Dann fühlst du dich machtlos der Einsamkeit ausgeliefert. Dann weißt du, du kannst ihr nicht so recht entkommen. Das wäre schon einmal die erste Steigerung von Einsamkeit”, beendete sie ihren Satz nachdrücklich. Weiterlesen… »

02.05.2012, 14:27
Ein Plan

Die besten Männer konnten eine Frau einsam machen. Nur, indem sie dort saßen, an ihren Erdnüssen knusperten und das Wegsehen zur Allerweltsmimik deklarierten. Sie saß neben ihm, das hieß, so weit weg wie es ging. In diesem kümmerlichen Zimmer, das sie ihr Zuhause nannten, existierten zwei Welten, die einander nur trafen, indem sie einander trafen. Sie atmete in tiefen Zügen, um ihrer Blässe zu entgehen. Ein falsches Wort, und er hätte ihren ganzen Satz in der Luft zerrissen, bis sie in sich zusammenfallen würde. Doch vorher würde er sie in sich selbst hinein scheuchen. Ihre kläglichen Versuche des Benennens und Bittens trat er mit einer Bissigkeit entgegen, die keine Durchlässigkeit für menschliche Regungen zuließ. Manchmal machte er sich einen Spaß daraus, ihre Atemluft zum stocken zu bringen, indem er ihr barsch empfahl, mit dem, was sie gerade tat, aufzuhören. Da sie jedoch nichts anderes am tun war, als zu atmen, hielt sie im ersten Schreckmoment stets die Luft an, bis sie ihn sagen hörte: “Atme doch, du dummes Ding! Kusch’ doch nicht immer so. Na, hast du denn gar keine Selbstachtung, du Armes?” Dabei lächelte er in vorgetäuschter Milde, während er sein Herz für jegliche Hilferufe mit seinen stahlharten Armen versperrte. Einmal stolperte sie über ihren eigenen Schluchzer, der trotz allem Kraftaufwand nicht zu stoppen war, und japste nach Luft. Daraufhin klopfte er ihr auf den Rücken, als habe sie sich beim Essen verschluckt; wohl wissend, dass sie gerade gar nicht zu Tische saßen. Er wollte ihren luftschnürenden Kummer einfach nur ignorieren. Es bereitete ihm Freude, sie nicht zu sehen. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als einen Plan zu schmieden …

15.04.2012, 03:21
Die Sanfte

Ich habe gerade “Die Sanfte” von Dostojewski zu Ende gelesen. Diese Erzählung war nicht so verdichtet wie seine Aufzählungen aus dem Kellerloch; und trotzdem, wie kann jemand die Verzweiflung so wunderbar greifbar machen wie er es tut? Aus jedem Satz platzt er aus den Nähten, der Protagonist. Er ruft in seiner Wortlosigkeit mit fast stierender Fokussiertheit: “Hör zu, hör zu, hör mir bitte zu, schau’, wie soll ich nur sagen, wo gibt es Worte, wie kann ich dir klarmachen, wie, dass, wie? Was jetzt? Sag’s mir!” Und ich bin geschüttelt von dem, der mir sagt, ich solle doch zuhören, und ich starre wie gebannt auf tonlose Schreie. Wie macht er das? Wie macht er das nur? Manchmal bin ich davon überzeugt, er schreibt im Fieber, im Delirium. Anders kann man so doch nicht schreiben. Er ist ein Meister des Packens und Würgens. Ich glaube, das will er auch. Die Zerrissenheit will er uns zeigen, in jedem Satz. Die Lächerlichkeit des kleinlichen Mannes will er entblößen und das Vakuum zwischen Menschen, die vom Nichtgesagten voneinander weggestmmt werden wie antagonistische Magneten. Und wie all seine Figuren aus ihren Verhaltensmustern nicht raus können, wie aus ihnen Verhaltensstrangulationen werden, das ist unsagbar fantastisch und bedrückend in einem. Ich bewundere Dostojewski, das wird sich nie ändern. Ich bewundere ihn so sehr.

13.04.2012, 08:30
Von der Einsamkeit verschluckt

Sehr schwächlich war er. Jedes Mal, wenn er Kritik hörte {oder er das Gesagte anderer willkürlich auf sich bezog, weil er sich die ganze Welt war und dachte, die Welt anderer müsse auch aus ihm bestehen}; oder wenn man ihm in milden Worten sagte, er sei verletzend und kalt und somit nicht die allweise allgütige Liebenswürdigkeit, die er immer erzählte zu sein, zog er sich wie opfergetreten zurück und sagte sich in pompöser Feierlichkeit eine private Ode über sich selbst auf, am Liebsten vor dem Spiegel. Er redete von seiner eigenen Begehrtheit und seiner Überlegenheit in Güte und Sanftmut im Vergleich zu den anderen ordinären Geschöpfen dieser Welt. Und während er das tat, ballte er die Faust, obwohl er ja gar keine hatte, wie er immer sagte, und schwor in Gedanken Rache für Dinge, die andere nie getan haben. Mechanisch und kalt tätschelte er sich selbst und offenbarte, wie ungeübt er in dieser Geste war, so dass man ihm seine Zuneigung gegen sich nicht glauben konnte. So tauchte er schon bald in sein eigenes Spiegelbild ein, bis er zum Abbild eines grässlichen Narzissten wurde, der die Verzerrung seiner eigenen Züge im Wasser nicht sah, sondern sie mit seiner unbeirrbaren Fantasterei über sich zu glätten suchte.

Und während er sich so in Rage redete, beschloss er in seinem Wahn, die fünftausend Zeilen seiner Selbstvergötterung nicht nur sich selbst zu offenbaren, sondern auch den anderen. “Wenn sie alle nur wüssten, wie wunderbar ich bin, wenn sie es nur wüssten, dann würde mein Leben endlich leichter sein, meine Einsamkeit der Geselligkeit weichen, die windige Leere in mir mit menschlich liebenswürdiger Unordnung beschenkt werden, und ich hätte endlich, was mir zusteht: Bewunderung!” Und er blieb nicht dabei, er wollte mehr. Nachdem er über sich gut erzählte, erfand er über die anderen Schlechtes, um neben dem erfundenen Ruß und Dreck der anderen, von besonders strahlendem Edelmut dazustehen. Und er glaubte sich, er glaubte sich so sehr, dass er sich vorstellte, wie er sich selbst hingebungsvoll bis zum Ende aller Welten folgen würde so gerne folgen würde, als Untergebener, als Geliebter, als Freund. Weiterlesen… »

09.04.2012, 22:58
Der Teppich

Wir legten uns in weiße Laken, freigewaschen vom Schweiß der Nacht. Wenn wir daran dachten, was wir alles Unheilvolles teilten, meldete sich das Schreckgewissen und sang uns mit metallischer Stimme ein Schlimme-Nacht Lied. Wir schwiegen, bis unsere Herzklopfen sich aneinander verstolperten und wir aus dem Traum im Traum erwachten. “Die Gedanken sind leer”, sagte ich ihm und wollte Erleichterung in unserem Augenblick sehen. Doch er sank in sich zusammen und antwortete, das bringe nichts, weil unsere Herzen schwarz seien. Wir rollten den schweren Teppich auseinander und breiteten ihn samt der Leiche über unser weißes Zimmer aus. Das Blut war schon vertrocknet und die Kälte in seinen Gliedern mit der Leichenstarre vermählt. Gemeinsam rochen sie schlecht. “Und jetzt?”, wollte ich wissen. “Nichts jetzt. Ab jetzt sind wir Gefangene unserer Tat”, antwortete er hart. “Und wenn es nie geschehen ist?”, fragte ich leise und berührte beinahe seine Hand, die er beinahe wegzog und meine damit aufhielt. “Und wenn es nie geschehen ist, würde es doch wieder geschehen, weil wir so sind, wie wir sind.” Wir schwiegen lange, so unerbittlich wie die Wand am Ende eines langen Weges. Wir schliefen auf dem harten Boden ein. Er bekam Fieber.