Posts Tagged ‘Verzweiflung’
21.03.2012, 21:32
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26.10.2011, 14:19
Der arabische Frühling

Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen könnt’! Da gehen die Araber aus den verschiedenen Ländern auf die Straße und lassen durch ihre tapferen Herzen die westlichen Medien poetisch über den arabischen Frühling schwärmen (was mich persönlich schon skeptisch gemacht hat, aber egal!) – und alle jubeln mit, stellen mich Skeptikerin als neidische Verschwörungstheoretikerin hin, weil “Iran es nicht geschafft hat” – und was machen die Araber nach ihrer hart erkämpften Freiheit? Sie gehen hin und wählen, unterstützen, wünschen sich die Islamisten an die Macht. Wollen die Sharia etablieren. Die Sharia. Das bedeutet: Islamische Gesetze. Mehr Rechte für Männer als für Frauen. Steinigung bei Ehebruch, Hand abhacken bei Diebstahl, Frau darf geschlagen werden bei Ungehorsam, Frau ist halb so viel wert wie Mann, Polygamie für Männer, Todesstrafe für Homosexuelle und noch vieles mehr. Wo zum Teufel ist da bitte der Unterschied zwischen einem geisteskranken Ghaddafi und einer geisteskranken religiösen Rechtsprechung? Kann mir das bitte jemand erklären?

Ich weiß jetzt, warum einige autoritär orientierte Politikinteressierte darauf bestehen, dass man sich die Freiheit, zu wählen, erst einmal durch Reife und Bildung verdienen muss. Dass man sonst auch seinen Untergang wählen kann und es meistens auch tut. So, wie meine Landsleute sich 1979 mit einem Wahlzettel “Islamische Republik [ja] | [nein]” zufrieden gaben, so laufen die Araber gerade wie die Lemminge in einen freiheitsraubenden, religiös-fundamental orientierten Abgrund. Wir lassen Suizidgefährdete doch auch nicht frei über ihr Leben oder Nichtleben entscheiden und halten sie zu ihrem eigenen Schutz einige Zeit lang juristisch besiegelt in einer Klinik fest, oder? Und wir sagen unseren Kleinkindern ja auch nicht, sie sollen selber entscheiden, was richtig ist oder falsch ist, und ob sie nun doch vom Balkongerüst springen oder nicht, das dürfen sie ganz frei wählen, nicht wahr? Auch lassen wir in demokratischen Ländern wie Deutschland – so gut es geht – keine verfassungswidrigen Parteien zu, oder? Selbst in Freiheit muss die Freiheit geschützt werden, auch wenn man dafür ein paar Abstriche von ihr machen muss wie zum Beispiel: Nein, wir lassen keine islamistischen oder andere extremistischen Parteien hier zur Wahl. Weiterlesen… »

20.09.2011, 18:02
Endlosschleife

Das Grau des Asphaltes vermengt sich mit dem des Himmels. Oben und Unten vergeben ihre Bedeutung, weil sie an Trennschärfe verlieren bei all den ineinander laufenden Halbnuancen. Ein Mann sitzt auf einer Bank und hält seine Hand durch das Ballen seiner Faust in sich gefangen und schaut unentwegt auf sie. Die Zeit steht still. Er verharrt in einen einzigen Gedanken, der noch nicht einmal einer ist, sondern die Unausgereiftheit einer rohen Emotion hat, die sich noch nicht in das Zwangskorsett der Sprache einbündeln lässt. Seine Jacke ist braun und alt, aber nicht schmutzig. Seine Haare flattern in einer Komposition von Schwarzbraun und Graumeliert in die selbe Richtung, in die auch der Wind rennt. Die Menschen im Park ziehen ihre Füße unter einen Mantel der Unsichtbarkeit zurück. Das Hintergrundraunen ihrer Stimmen lässt sich mit einem einzigen Satz zusammen fassen. Es regnet bald, gehen wir Heim. Hektische Schritte verschwinden in eine geräuschlose Kulisse und lassen den Park und den Mann auf der Bank trostlos zurück. Er öffnet vorsichtig seine Faust. Seine Körperhaltung verspannt sich mehr als zuvor, und seine Kaumuskeln lassen seine Zähne knirschen. Er hat Angst vor der Emotion, die sich in einen Gedanken manifestiert und eine Wahrheit ausspricht, die er nicht wissen will. Seine Hand knackst, die Sehnen und Fingergelenke wehren sich gegen die Befehle des Kopfes, doch er gewinnt. Der zusammen gefaltete Zettel liegt noch immer darin. “Was hattest du erwartet? Dass er verschwindet, wenn du nur lange genug eine Faust machst?” Er faltet den Zettel auseinander und fokussiert das Geschriebene an: “Dich hat es nie gegeben. Du bist ein Fantasieprodukt einer Geschichtenerzählerin. Alles bisher Dagewesene ist nur eine erdachte Hintergrundgeschichte, damit du einen authentischen Charakter ergibst mit Sinn und Kohärenz. Du glaubst nicht? Schlag’ das Buch auf, das du dir gekauft hast. Schlag’ die erste Seite auf, und du wirst sehen.”

So weit ist er vorhin schon gewesen, nur dass die Worte ihn nicht mehr treffen wie ein Schlag und seine Gedanken in abertausende kleine Splitter sprengen. Das Buch, das er sich vorhin gekauft hat, hatte nicht einmal einen Titel, der ihm in Erinnerung geblieben ist. Einzig das Cover war es, das ihn angesprochen hat. Die beige-braunen Herbstfarben, mit denen die undeutliche Silouhette eines Mannes ummantelt ist, der auf einer Bank im Park sitzt, kam ihm undefiniert vertraut vor, so dass er nicht umhin konnte, das Buch zu kaufen. Vorsichtig packt er das Buch aus. “Besonders dick ist es nicht, vielleicht dreihundert Seiten lang”, denkt er zufrieden und wiegt es ab wie eine Melone und prüft, wie es in der Hand liegt, während er mit der anderen seine Zigarette qualmt. Bevor ihm auffällt, dass der schemenhafte Mann auf dem Cover eine gewisse Ähnlichkeit in Kontur und Körperhaltung zu ihm aufweist, schlägt er vorsichtig die erste Seite auf und liest den ersten Satz. Weiterlesen… »

Ich hatte Träume von dir. Träume von dir, wie du im Weltall neben all den Sternen und Planeten tanzen würdest, wie du sie an Schönheit überbieten und doch neckend lieben würdest. Wärst du, ja wärst du heil, unangetastet und gepflegt worden in deiner Wildheit und Ursprünglichkeit, dann wäre mein Traum wahr geworden. Was wäre aus dir geworden? Was wäre mit dir in dieser Glückseligkeit auch aus uns geworden? Wie würdest du heute in Grün, Blau, Weiß und Unendlich-Farben strahlen, ganz ohne Amputationen deiner Lebenswelten, hättest du uns nur zu der Spezies erziehen können, die wir sein sollten, um dich lieben und schätzen zu können, um dich pflegen und ehren zu können – oder hättest du uns einfach nur ausgelöscht und diese nutzlose, destruktive Spezies in seine Schranken gewiesen und Neue erschaffen? Neue, die sich von dir ernähren, wie das Säugling an der Brust seiner Mutter, ohne diese Brust zu zerbeißen und zu zerstören, so wie wir es tun, seit wir existieren.

Damals, als ich ein sehr junges Mädchen war, war ich vollkommen davon überzeugt, Musik sei die Lösung all unserer Probleme. Keine Religion, keine Strafen, keine Drohungen, keine Kriege, keine Gefängnisse – sondern eine einzige universelle Melodie, die wir alle im selben Augenblick hören und erkennen würden. Im selben Augenblick der Empfänglichkeit, die der einer Frau gleicht, die Leben in ihr Schoß lassen will, die Musik in uns einverleiben und dann aus-leben würden. Was die Nachricht wäre? So genau kann ich dir das nicht sagen. Aber wenn es etwas gibt, das sie ausdrücken könnte, wäre es das abstrahierende Wort Liebe. Was hieße diese Liebe? Romeo und Julia, Leyli und Majnoon, Regina und ihr erster Freund? Nein, das nicht. Es gehörte dazu, aber es wäre nicht nur diese Art von Liebe, die ich meine, die ausreichen würde, um dir und uns all das zu ersparen, was wir dir und uns antun.

Die Nachricht hätte uns beigebracht, uns erkennen lassen, dass – egal, wem wir weh tun, wen wir ausrauben, wen wir schädigen, wen wir töten, wen wir ignorieren, wen wir krankmachen, wen wir bekämpfen – es immer, immer, ausnahmslos zu uns zurückkommen wird. Dass die Natur, die Mutter Erde, Lebewesen und menschliche Gemüter immer nach Ausgleich, nach einer Gegenregulation suchen werden, um sich zu holen, was man ihnen genommen hat. Nur so, nur so entstehen Kriege, nur so entstehen Naturkatastrophen, nur so. Nur so entstehen neue Krankheiten. Und nur so wird vielleicht nicht der Täter direkt selbst zum Opfer, aber vielleicht seine Kinder und seine Kindeskinder. Nur so ist der Täter nicht immer nur Täter gewesen, sondern war einst selbst ein Opfer. Was auch immer wir in diese Welt entsenden, es kommt früher oder später zu uns zurück. Wenn nicht auf dem Niveau elitärer, hochgestochener (juristischer) Moraltheorien, wie sie in unseren Philosophien und Rechtssystemen besteht, so dann nach den Gesetzen der Selbstregulation von Mutter Natur und dem menschlichen Geist und Körper: der Homöostase. Das ist ein Naturgesetz, keine Illusion und Konzeption von menschlichen Projektionen von Gut und Böse. Es ist eine natürliche Konsequenz, gut mit einer Gleichung zu formalisieren, davon bin ich überzeugt. Davon bin ich überzeugt. Weiterlesen… »

12.09.2011, 18:26
Entscheidung

“Irgendwann”, denkt sie, “da muss es diesen Frieden geben. Zwischen ihm und mir. Wir müssen die Waffen nieder legen und der Zeit glauben, wenn sie uns verspricht, sie werde unsere Wunden heilen.” In Gedanken gefangen schaut sie ihn an. Er schläft und riecht nach Vertrautheit, wenn sie zu müde ist, um ihn zu hassen. Und das ist sie. Zu müde. Seine Augen schlagen auf, er schaut sich orientierungslos um, tastet die Bettseite neben sich durch und denkt in einem ersten Schreckmoment, sie sei fort. “Hier bin ich”, kommt sie ihm zuvor, streichelt seine Stirn und sagt: “Ich gehe nicht. Doch nicht oder noch nicht. Ach, was weiß ich…”, bricht ihre Stimme runter in den Schlund ihrer eigenen Gefühlsgefangenschaft. Er drückt ihre Hand, lässt sich von ihren Augen zu ihrem Herzen leiten und weiß, dass er noch nicht gewonnen hat. “Sie hadert noch immer mit mir und der Verletzung, die ich ihr zugefügt habe. Du wirst noch weiter um sie kämpfen müssen”, denkt er, noch kopf-diffus von seiner unruhigen Nacht. Sein Körper verspannt sich vor Angst. “Kämpfen musst du aber nicht”, sagt sie klar und wissend, so als hätte sie seinen Muskeltonus gespürt und richtig gelesen. “Denn ich kämpfe auch nicht mehr”, verspricht sie. “Ich nehme dich so, wie du bist, solange, wie ich kann. Das verspreche ich dir.” Er will etwas fragen, einen Einwand einwerfen, doch sie unterbricht, was er noch nicht begonnen hat: “Und ich werde bestimmt für immer können. Denn so, wie du mich verändert hast, mich zum Teil deiner Selbst erzogen hast, werde ich alleine nicht einmal mehr durch die Welt humpeln können, geschweige denn gehen und jemanden lieben.”

Seine Augen trauern über die Enteignung, die er ihr im Laufe all der Jahre angetan hat, doch seine Anspannung fällt ab. Ihre Stimme wirkt etwas hart und selbstbewusst. Nicht im Sinne eines Selbstbewusstseins, bei dem man weiß, was man wert ist, sondern eher in dem Sinne, dass man weiß, was man kann und was man nicht kann. Sie weiß vor allem, was sie nicht kann. Das ist einmal kämpfen um das, was ihr zusteht, weil es jedem Liebenden – nein jedem Menschen – zusteht und einmal das Sich-Trennen, weil sie schon viel zu früh von ihm geprägt, geformt und eingefangen worden ist. Weiterlesen… »