Ergreifend, wütend, atemberaubend schön.
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28.08.2011, 01:07
She’s Alive. Beautiful. Finite. Hurting. Worth Dying for.
Ergreifend, wütend, atemberaubend schön. 11.08.2011, 00:37
Nachtgespräche.
“Und wie kam es dazu, dass du so ein tapferer Mensch wurdest und so positiv durch das Leben gehst nach allem, was du durchlebt hast?” Er überlegte kurz. Zum ersten Mal während dieses Gespräches zeichneten sich nachdenkliche Stirnfalten auf sein sonst so hellsinniges Gesicht. “Wie es dazu kam? Ganz anders, als du vielleicht denkst. Ich wurde ‘tapfer’, weil niemand, von dem ich es erwartet hätte, auf meine Verzweiflung zu jener Zeit reagierte. Also wurde ich ‘tapfer’ – bzw. zeigte eine Illusion von Tapferkeit – damit ich nie wieder erleben musste, wie meine Verzweiflung übergangen und ungesehen blieb. So konnte ich wenigstens behaupten, sie wüssten es nicht besser. Ich konnte mir einreden, dass ich ihnen ja nicht zeigte, dass ich gegen ein namenloses Monster in mir kämpfte, also taten sie nichts Falsches. Nur durch diesen Weg konnte ich diese Menschen, die mir etwas bedeuteten, trotz ihrer Ignoranz von Schuld freisprechen und mich von der Erfahrung, immer wieder auf’s Neue ignoriert zu werden und ungewürdigt in einer Ecke stehen gelassen zu werden, befreien. So wurde ich tapfer.” 07.08.2011, 02:51
Wer das Leben einstecken will, muss auch austeilen können.
Die Schreibtischlampe surrt ihr weißes Licht auf meine müden Hände. Sie tippen wahllos weiter, ohne zu wissen, welche Vorgaben von Herz und Kopf kommen werden. Also beschließen sie, ohne ihr Zutun weiter zu tippen. Die Schreibtischlampe und ihr Licht. So habe ich mir das Licht einer abgelegenen Folterkammer immer vorgestellt, nur ist es dort in meiner Vorstellung ein aggressives, dumpfes Gelb. Ungreifbar, undefinierbar, brennend in den Augen und eiskalt wie ein Henker. Und das Surren ist nicht ein zufälliges Produkt von elektrischen Unregelmäßigkeiten, sondern ein bewusst eingesetztes Foltermittel, das dem Opfer die Zeit so unberechenbar und unwirklich erscheinen lässt, dass es Tage lang ausharren kann und trotzdem befürchten muss, es seien nur Sekunden vergangen. Wenn ich lange genug auf meine tippenden Finger schaue, sehe ich sie Klavier spielen. Obsessiv, voller Leidenschaft und teils hauend mit einem unmachbaren Ziel wie etwa der Flucht vor mir selbst. Wie eine Flucht aus den Grenzen des Körpers, des Gehirns, weit hinaus in dieses wunderschöne, kalte Universum, was der letzte Zufluchtsort sein soll und mich doch nur zurück spuckt und sagt: “Du bist doch schon im Universum, Fitzelhirnchen.” Oh, und wie sie spielen, diese Hände. In die Tasten hauen, als würden sie um ihr Leben spielen – und doch nur schreiben. Ich war einst sehr talentiert. Mit neun Jahren kam ich aus der Schule, schmiss meinen Schulranzen in den Flur, riss meine Zimmertür auf – und ein Klavier stand in meinem Kinderzimmer. Einem ab dem Zeitpunkt unbedeutenden Kinderzimmer. Dort war nur noch ein Klavier, und drumherum ein Nebending, mein Zimmer. Mein Papa stand plötzlich hinter mir, ohne dass ich es merkte. Er legte seine warmen Hände auf meine Schultern und antwortete auf mein strahlendes “Warum, wie Papa?” mit: “Weil es ein Talent ist, wenn man mit sieben Jahren auf einem alten Keyboard kleine, neue Melodien entwirft, die so reif sind wie die traurigen Stücke der Großen, Tochter… Und sie soviel Seele haben, dass ich schon Texte und Lieder daraus machen konnte.” Also begann ich zu spielen. Es war unsere persönliche Liebe. Papas und meine. Die Musik. Er an seinem Schlagzeug und am Mikrophon, denn er konnte beides gleichzeitig und ich am Klavier oder am Keyboard, je nachdem, wo wir zusammen angaben. Bei der Familie, bei seinen Bandkollegen oder nur Zuhause für die Kinder aus der Siedlung. Im Zeitraffer rückblickend, war ich in einer unendlichen Spirale zwischen dem ehrlichen körperlichen Kampf auf dem “Fußballfeld” und dem ruhelosen Spielen auf dem Klavier in meinem Zimmer gefangen. Irgendwann saß die alte Klavierlehrerin neben mir, spielte Stücke, die ich aufzufressen schien mit jeder Zelle meines Körpers. Jene, die wir vierhändig spielten, waren mir die Liebsten. Das war wie das gemeinsame Andocken an unser beider Seelen, um mit größerer Kraft andere Seelen anlocken zu können. Und so war es dann, dass immer, wenn wir mit vier Händen spielten, Mama und Papa vorsichtig die Kinderzimmertür öffneten und dort stehen blieben. Egal wie lange. Sie standen dort und lauschten, bis sich unsere vier Hände auseinanderkeilten und jede Hand wieder zu seinem Besitzer zurück ging. Was für eine Zeit das war. Und wie verwundert meine Lehrerin damals war, als ich ihr nach zwei Jahren gestand, noch immer keine Noten lesen zu können, aber jedes Stück spielen konnte, wie sie es sich wünschte. Denn sie akzeptierte meine eigene Prägung der Stücke ohne Wenn und Aber. Und dennoch. Und dennoch tat ich etwas Unveständliches. Ich hörte auf. Der Sport übernahm meine Raserei. In ihm konnte ich mich stärker verausgaben. Die ewige Unruhe in mir in Erschöpfung umwandeln und wenigstens kurz in gedankenleere Ohnmacht fallen. Gefolgt von der ersten Verliebtheit in wen oder was und dem ersten Melancholiewahn, verblasste mein Klavier immer mehr – bis es irgendwann nicht mehr in meinem Zimmer stand. Und ich weinte ihm keine Träne nach, denn der Stift war nun mein bester Freund. Wenn ich rannte, dann nur auf dem Papier. Ich kleckste Tinte, gravierte Herzblut und Brustschmerz mit dem Kugelschreiber in jede Seite ein. Irgendwann sprengte ich die Seiten und musste einen anderen Weg für den inneren Drang finden, der Notwendigkeit, aus mir herauszuplatzen, bevor ich innerlich erstickte. Also schrieb ich Gedichte, malte Weltuntergänge und erschuf Paradiese mit Worten. Worte in Farben, Worte in Klängen, Worte in Täler, Worte in Liebe, Worte in Tode. Oasen des Glücks schrieb ich, von denen viele etwas haben wollten. Vor allem meine beste Freundin und meine Cousine. Also gehörte es irgendwann zu unserem Leben, dass ich ihnen aus meinen Tagebüchern vorlas, bis wir zufrieden einschliefen. Ich vergaß die Stücke, die ich einst mit meinen kleinen Klavierfingern komponiert hatte. Sie waren vergessen, obwohl meine summende Stimme immer wieder nach ihnen suchte, doch die Melodien brechen ab. Und heute noch, wenn ich mich an dieses Vergessen erinnere, trauere ich um diese Zeit und um mein verstorbenes Talent. Weiterlesen… » 27.07.2011, 10:30
Sinkende Boote
Ich weiß, warum ich nicht mehr schreiben wollte – nicht mehr schreiben will. Ich fühle mich unverstanden, mehr als sonst. Ich habe zwei Artikel geschrieben, der eine hat vier Seiten, der andere fast drei erreicht. Doch kurz vor Ende bin ich abgesprungen. Wäre das digital möglich gewesen, ich hätte sie zerrissen und wütend weggeworfen. Sie handelten von Oslo, den Medien, Amy Winehouse und Religion und seiner Wirkung auf Kultur und Gesellschaft. Doch ich werde sie nicht fertig schreiben, nicht veröffentlichen, nicht vermitteln. Es bringt nichts. Zu sinnlos ist der Versuch, seine Gedanken zu teilen, es erreicht eh nur jene, die sowieso meine Meinung teilen. Alle anderen wird es zur Abwehr verleiten. Und überhaupt? Woher will ich wissen, dass die Dinge, wie ich sie betrachte, überhaupt richtig sind? Wer ist eigentlich mein Maßstab? Und selbst wenn ich einen hätte, wieso sollte er der Bessere sein? Was ist überhaupt richtig? Richtig, Gut, Falsch und Böse sind Synonyme für Dinge, die uns weh oder gut tun. Gut ist, was unserem hedonistischen Körper und Geist angenehm ist, und zwar so weit, dass es anderen nicht schadet? Diese Definition entspricht unserer Natur und unserem Wunsch nach Unversehrtheit und Freude am Ehesten. Aber was, wenn Kriege, Naturkatastrophen und destruktive Menschen wichtiger für den Erhalt irgendeines universell-kosmologischen Gleichgewichtes sind als das Gutmenschentum? Was ist richtig? Wer bin ich, das zu bestimmen? Wer sind wir? Vielleicht ist der ganze Wahnsinn hier notwendig für ein höheres Gleichgewicht. Wenn ja: Wer auch immer diese Notwendigkeit des Schmerzes und des Leides für ein Gleichgewicht entwickelt hat, ist ein elender Sadist. Das Schreiben macht keinen Sinn mehr. Denn die Menschen verstehen mich nicht. Ich verstehe die Menschen nicht. Ich gehöre nicht zu ihnen, sie gehören nicht zu mir. Wir alle gehören nicht zueinander. In einer Wüste der Verlorenheit und des Vergessens irren wir herum – jeder für sich – und behandeln den anderen wie eine Oase, in der wir landen und stranden – und von der wir meinen zu wissen, dass sie nur eine Fatamorgana ist. Deshalb begegnen und verlassen wir einander so unverbindlich, unpersönlich und seicht, wie wir mit uns selbst verbunden sind: Nämlich gar nicht (mehr). Nein, sinnlos dieses Schreiben. Die Geschichte wiederholt sich. Und wir Menschen wollen immer noch nicht wahrhaben, worin die Gründe von all dem Übel liegen. Es sind immer die anderen, es ist immer die USA, es ist immer Israel, es ist immer der Westen, es sind immer die Islamisten, es ist immer alles, nur nicht das Boot, in dem wir selber sitzen; und nur nicht wir. Und obwohl es mit anderen kleinen unschuldigen Menschen untergeht – sitzt man mittendrin und verlässt es nicht. Wir sind blind dafür, einzusehen, dass all die Bushs, Imperialisten, Kommunisten, Islamisten und Kriegstreiber dieser Welt nur eine Verkleidung und Manifestation dessen sind, was unser ursprüngliches Problem ist: Wir. Unsere Natur. Machtstreben, weil Einfluss einen befriedigen kann, weil Einfluss unsere “hedonistischen” oder größenwahnsinnigen Bedürfnisse nach Bedienung und Anerkennung schneller zum Ziel führen kann. Weil wir Horter sind, weil wir “Ehrgefühl” haben, das auf abstrakten, sinnentleerten Prinzipien basiert, Stolz, Rivalitäten, desorganisiertes Führen, weil das Führen nicht mehr der Gesamtheit der Gruppe, des Stammes, des Landes dient, sondern nur den eigenen Interessen. Einfach gesagt: Wir sind noch zu sehr Tier. Wären wir nur Tier, würden wir eine natürliche Grenze nicht überschreiten. Wir sind jedoch hochexploisive Intelligenzbestien mit zuviel Tier in uns. Diese Kombination macht uns gefährlich. Ein Tier, das genug Mittel hat, um seine impulsiv-animalischen Bedürfnisse zu befriedigen. Sind wir vielleicht eine Zwischenspezies auf dem Übergang zu zivilisierteren Wesen? Weiterlesen… » 16.07.2011, 20:45
Königs-Versager
Gestern hatte ich eine interessante Unterhaltung mit meinem Cousin. Er ist der Meinung, dass der Mensch in seinem Entwicklungsdrang pervertiert ist und die einzige Art auf der Welt ist, die sich selbst systematisch ausrottet. Er meint damit nicht nur, dass wir Dinge erfinden oder Bedingungen schaffen, die unsere Welt global zerstören, sondern dass wir die einzige Spezies sind, die andere zu Hundertausenden ermorden und Völkermorde durchziehen. “Wir sind zu weit weg von der ursprünglichen Natur in uns”, sagt er. “Jene Natur, die uns mit Tieren kommuzieren lässt und die Ressourcen in Maßen ausschöpft. Der Einklang fehlt.” Ich empfinde sein Argument stark mit, denke aber anders. Ich denke, dass der Fortschrittswahn des Menschen völlig kongruent zu seiner Natur ist. Er entstand aus der Notwendigkeit heraus, Werkzeuge zu erschaffen, mit deren Mangel er – im Vergleich zu anderen Tieren – eben auf die Welt gekommen ist, quasi wortwörtlich nackt, während andere Tiere umgebungsspezifische Instinkte, Schnäbel, Krallen und Fähigkeiten besaßen. Dieser Mangel an organischer Spezialisierung erforderte eine Anpassungsleistung durch externe Werkzeuge, die immer ausgefeilter und spezifischer wurden. Und voilà: So entstand sie, die Spezies mit den effektivsten Mitteln und Wege für die… Gerechtigkeit? Nein. Für eine bessere Gesundheit? Nein. Für weniger psychische Krankheiten? Hm nee. Für die eigene Arterhaltung? Najah. Aber etwas schaffen wir wie die Weltmeister: Kompensatorische Schadensbegrenzung für Dinge, die wir kopflos erschufen, die dann nach jedem Einsatz einer neuen Schadensbegrenzungserfindung immer mehr neue Dinge schadensbegrenzen muss. Darin sind wir gut. In destruktiver Schadensbegrenzung. Ach, ich liebe unsere Spezies. Dumm wie Kidneybohnen, wir Königs-Versager. Weiterlesen… »
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